Handbuch 5. Auflage
512 B. Müller „auch anders als durch den Verstand“ (v. Hentig 1993) geprüft werden müsse. Er verallgemeinert das Verhältnis von Gefühl und Kritik: „Wir haben es mit prinzipiell unklaren Sachen und Sach- aggregaten zu tun (es sind ihrer immer zu viele, und sie sind immer zu komplex) – und mit einem ihnen gegen- über prinzipiell schwachen Einzelnen. Daraus ergibt sich mein pädagogisches Programm: die Menschen stärken und die Sachen klären. Der Rest ist ‚Handwerk‘ (und ‚Me- thoden‘ und ‚Ansätze‘ B.M.), Alltagsweisheit: Keine Prü- fung des Geistes ohne Herausforderung durch die Sinne; keine Prüfung der Sinne ohne Herausforderung durch das Denken; keine Wahrhaftigkeit ohne Anfechtung – zum Beispiel durch Angst oder Liebe.“ (v. Hentig 1993, 93) Formuliert man lebensweltorientierte Sozialpädago- gik handlungstheoretisch, so steht man unabweisbar von der Aufgabe, eine „relationale Professionalität“ (Koengeter 2009) zu entwickeln, welche die Ein- sicht in die eigene Beteiligung an der Reproduktion der zu bearbeitenden Probleme als Voraussetzung für Beiträge zu deren Lösung versteht.Was geschieht, wenn diese relationale Professionalität mangelt, ha- ben Thomas v. Freyberg und Angelika Wolf an Bei- spielen gescheiterter Schul- und Jugendhilfe-Karrie- ren beschrieben, in welchen „die Beziehungen dieser Jugendlichen mit den Institutio- nen von Schule und Jugendhilfe deshalb regelmäßig zu Macht-Ohnmacht-Konflikten eskalieren, weil diese Ju- gendlichen sehr effektiv ihre inneren Beziehungsmuster inszenieren und die Institutionen darauf ihrerseits so reagieren, dass die unbewussten Erwartungen und Stra- tegien der Jugendlichen bestätigt und verstärkt wurden.“ (v. Freyberg /Wolff 2005, 11 f.) Gefühlskritik als Beitrag einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik Hier kommt die psychoanalytisch-pädagogische Perspektive ins Spiel, aber nicht als konkurrierendes Paradigma oder als Erneuerung eines klinischen Case Work. Vielmehr verweist die lebensweltorien- tierte Sozialpädagogik selbst – mit ihrem zentralen Programm einer wechselseitig notwendigen Kritik von moralisch inspirierter Einmischung in alltags- weltliche Probleme und kritischer Analyse ihrer Be- dingungen – auf eine Lücke, die sie nicht zu füllen vermag. Es ist die Lücke zwischen Gefühlen und Wertungen einerseits und deren Überlagerungen und Verzerrungen durch unkontrollierte Affekte andererseits. Gerade der Anspruch einer offenen, auf Gefühls- wie Theorieebenen selbstkritischen Profes- sionalität kann die Spannungen und Paradoxien aus solchen Überlagerungen nicht von sich weisen, son- dern muss habituelle wie theoretische Formen der Verarbeitung finden. „Kultur der Affekte“ als Bil- dungsziel (Mitscherlich) betrifft aber nicht nur emo- tionale Verstrickungen von Klienten, die sich selbst daran hindern, im Sinne eigener Interessen hand- lungsfähig zu werden. Und sie betrifft, insbesondere im sozialpädagogischen Handlungsfeld, auch nicht nur intrapersonale Konflikte, die ihr eher im Netz- werk von interpersonalen Konflikten und Konflik- ten in und mit Institutionen entgegentreten (Ment- zos 1988).Vielmehr steht auch die eigene Beteiligung und mögliche Verstrickung der professionellen Ak- teure mit auf der Agenda. Psychoanalytische Arbeits- begriffe sind hier nicht zu umgehen, die aber gerade in ihrer Relevanz für eine entgrenzte professionelle Praxis jenseits therapieähnlicher Settings entfaltet werden müssen. Dies gilt für Konzepte wie Über- tragung und Gegenübertragung, für den Begriff der Abstinenz und für ein fundiertes Verständnis sozial- pädagogischer Arbeitsbeziehungen. Es gilt auch für die Frage, wie eigentlich die von Thiersch genannte Bedingung für „qualifiziertes Alltagshandeln“ habi- tuell und institutionell gesichert werden kann, näm- lich real erwartbar macht, dass „Alltag sich seiner Zweideutigkeit bewusst“ und „durch Handeln, Phantasie, Theorie und Wissenschaft kritisch auf- gehoben ist“ (Thiersch 1978, 23). Ich will diese These von der Unentbehrlichkeit psychoanalytischer Konzepte für eine selbstkritische Professionalität so- zialer Arbeit kurz erläutern. Übertragung und Gegenübertragung sind nicht nur als Alltagsphänomene und nicht nur als Reflexions- modi therapeutischen Handelns, sondern auch als sozialpädagogische Konzepte unumgänglich. Die Überlagerung sozialpädagogischer Arbeitsbezie- hungen durch unbewusste affektive Dynamiken kann keineswegs, etwa aufgrund der unterstellten seelischen Gesundheit der Beziehungspartner, vernachlässigt werden. Gerade wenn nicht Krank- heit, sondern „nur“ Belastung und enttäuschte Hoffnung im Spiel sind kann Pathologisierung von Klienten nahe liegen, wenn die Arbeitsbeziehungen
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