Handbuch 5. Auflage

Gefühle, Emotionen, Affekte 513 schwierig werden. Gerade deren beliebte Reduk- tion auf bloße Dienstleistungserbringung kippt bei mangelnder Kooperation schnell in pathologische Deutungsmuster. Um dies zu vermeiden muss vor allem die Einsichtfähigkeit in eigene Gegenüber- tragungsreaktionen zum sozialpädagogischen Pro- fessionalitätsstandard gehören (Devereux bezog dies sogar auf die sozialwissenschaftliche For- schungspraxis; Müller 1995, Kap. III). Der Abstinenzbegriff , der in unterschiedlichen An- sätzen (Müller, 1991; Oevermann 1996) vom psy- choanalytischen auf das pädagogisch / sozialpäd­ agogische Handlungsfeld übertragen wurde, meint hier keine Abstinenz im Sinne der strengen Ab- trennung therapeutischer Settings vom Alltags- leben. Er verweist vielmehr auf die habituell ein- zuübende Regel, die Aufgaben der Berufsrolle von den darin unvermeidlich eingemischten diffusen und z.T. regressiven Affekten zu unterscheiden. Er verlangt auch die Fähigkeit, sich auch auf dieser affektiven Ebene als Mittel des Wachstums ver- wenden zu lassen, ohne selbst den Klienten zu ver- wenden. Der Abstinenzbegriff ist insofern auch ein notwendiges Instrument für das Verständnis sozial- pädagogischer Arbeitsbeziehungen . Oevermann (1996) hat den ebenfalls aus der Psychoanalyse stammenden Begriff des Arbeitsbündnisses auf- gegriffen um die Handlungsstruktur pädagogischer Professionalität als Wechselspiel zwischen einer Aufgaben zentrierten Wahrnehmung der Berufs- rolle und einer im Modus der Abstinenz wahr- genommenen Verarbeitung diffuser affektiver Be- ziehungen zu beschreiben. Dies Modell ist für die Sozialpädagogik hilfreich, aber nur mit Korrektu- ren anwendbar. Zum einen sind in ihren Hand- lungsfeldern (z. B. in der Jugendarbeit; Cloos et al. 2007) stabile Arbeitsbündnisse oft eher als glück- liche Ausnahme oder als Ergebnis längerer Zusam- menarbeit, nicht aber als Voraussetzung professio- neller Arbeit zu finden. Zum anderen zeigen auch die institutionellen Formen des Zugangs zu Klien- ten – bzw. deren Zugänge zu Hilfeleistungen – jene oben beschriebene Ambivalenz. Auch die Herstel- lung der geeigneten Rahmenangebote und Settings ist deshalb professionalisierungsbedürftig. Die or- ganisatorischen Rahmungen, die „Orte“ (Winkler) können in der Sozialpädagogik nicht, wie in Oe- vermanns Modell, als bloß vorgegebene, professio- neller Arbeit eher hinderliche Bedingungen, sie müssen als Aufgaben begriffen werden. Wie dabei die destruktiven Wechselwirkungen zwischen dem affektgeladenen Agieren von Klien- ten und den institutionalisierten Formen von Ab- wehr (z. B. in jenen Macht-Ohnmacht-Spiralen) bearbeitet werden können, lässt sich vielleicht am besten im Anschluss an Siegfried Bernfelds Idee einer (sozial)pädagogischen Instituetik fassen (Müller 2002). Diese im Sisyphos (Bernfeld 1925, 27) nur angedeutete Idee wird in anderen Schriften konkreter. So in dem Satz: „Die Erziehbarkeit reicht gerade so weit, als die Übertragung reicht, also soweit, als die Außenwelt insbesondere der Erzieher libidinös besetzt wird“ (Bernfeld 1921, 93). Bernfeld meint hier, wie der Kontext zeigt, nicht die libidinöse Beziehung zum Erzieher – dies würde etwa Aichhorns (1925) Idee der Verwahr- lostenerziehung entsprechen oder im weiteren Sinn auch Salomons Idee von „Führung“ (s. o.). Er redet vielmehr von der libidinösen Besetzung der Außen- welt des Erziehers. Die Umwelt, die (insbesondere) der Erzieher zu schaffen vermag, muss libidinös be- setzbar sein. Ich erweitere Bernfelds These: Die Wirkung der Sozialpädagogik hängt an den Chan- cen, ihre Angebote und deren institutionalisierte Formen, genauer, die durch sie (mit)veränderte Außenwelt des Klienten, libidinös besetzbar zu machen. D. h. eine sozialpädagogische Instituetik im Anschluss an Bernfeld muss davon ausgehen, dass die Lebensweltorientierung der Sozialpädago- gik – mit ihren Maximen der Aufklärung, Öff- nung, Partizipation, Interessenaushandlung – zu kurz greift, sobald stärkere affektive Dynamiken das Feld bestimmen. Dies ist insbesondere immer dann der Fall, wenn die „sozialen Orte“ der sozial- pädagogischen Akteure und die ihrer Adressaten stark voneinander abweichen und wenn die Zu- sammenarbeit sich nicht auf die Vermittlung sach- licherDienstleistungen oder Ansprüche beschränkt: z. B. im Umgang mit Kindern und Jugendlichen und / oder mit Menschen in sehr belastenden oder fremden Lebensbedingungen und -weisen. Unter „sozialem Ort“ versteht Bernfeld die „Fragestellung nach dem historischen Aspekt und nach der Mi- lieuprägung eines seelischen Vorgangs“ (Bernfeld 1929, 256). Sozialer Ort meint also nicht einfach die jeweiligen biographischen und sozialen Lebens- bedingungen, sondern deren Auswirkungen auf die Affekte und moralischen Gefühle. Bernfeld interessiert sich für soziale Orte insbeson- dere hinsichtlich ihrer einschränkenden Wirkung

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