Handbuch 5. Auflage

Agency 53 „Subjektivität als eine sozial voraussetzungsvolle, in sich widersprüchliche und graduierbare, d. h. mehr oder weniger stark ausgeprägte Dimension sozialer Praxis zu bestimmen [ist]“ (Scherr 2012, 236). Die Bedeutung eines solchen agency-Verständnisses für die Soziale Arbeit liegt demzufolge darin, sozial­ wissenschaftlich gerade auch in den Hilfeformen die sozialen Bedingungen in den Blick zu nehmen, die eine jeweilige Ausgestaltung von Selbstbe­ stimmungsfähigkeit bzw. Handlungs(un)fähigkeit ermöglichen. Insofern kann eine solche For- schungsperspektive ein kritisches Korrektiv zu Pra- xistendenzen liefern, in denen Hilfebedürfigkeit und daran anknüpfende Überlegungen zur Hand- lungsbefähigung häufig in psychologisierender Manier aus den individuellen Dispositionen von AdressatInnen heraus begründet werden. Eine anders verankerte Perspektive, die aber eben- falls auf das kritisch-reflexive Potenzial von agency- Analysen verweist, knüpft an Studien zur Gou- vernmentalität Sozialer Arbeit an (Kessl 2005; Weber /Maurer 2006). Ausgehend von Foucaults Mikroanalytik der Machtverhältnisse wird agency bei Karl als etwas verstanden, das durch politische Rationalitäten präfiguriert ist und innerhalb von Machtverhältnissen und Macht-Wissens-Komple- xen verortet ist. In einer solchen Perspektive wird danach gefragt (Karl 2008, 72), „wie unterschiedliche, historisch situierte Formen der Gou- vernementalität […] zur Handlungsermächtigung von Ak- teuren, deren Einflussnahme auf kulturelle Schemata und ihren Zugang zu Ressourcen (Sewell 1992) sowie gleichzei- tig zur gesellschaftlichen (Re-)Strukturierung und zu Trans- formationsprozessen beitragen und wie sie Teil eben jener Schemata und sozialer Praktiken sind.“ Konkret für das Feld der Sozialen Arbeit soll dabei rekonstruktiv herausgearbeitet werden, wie agency in den Regierungstechniken und in Formen der (Selbst-)Führung von Menschen auch in Interven- tions- und Hilfeformen programmatisch verankert ist. Damit soll in der Analyse neosozialer Gouvern- mentalitätsformen – z. B. in der „aktivierenden“ Arbeitsmarktpolitik – zum einen analysiert werden (74), „welche Möglichkeiten und Formen der Einflussnahme auf die eigenen Lebensbedingungen und welche Fähig- keiten und Fertigkeiten der kritischen Distanznahme von Handlungsroutinen in diesen Programmatiken wie geför- dert oder verhindert werden.“ Gefordert wird, stärker auf der Akteursebene zu untersuchen, wie sich dies in den sozialen Prakti- ken wiederfindet und wie dabei wer konkret wel- che Formen von Handlungsmächtigkeit erlangen kann. Dabei soll sich der Fokus zum anderen auch auf die Widerständigkeiten und Brüchigkeiten zwischen dem Handeln von Akteuren und den Re- gierungsrationalitäten richten. Einen Hauptfokus der Thematisierung von agency in der Sozialen Arbeit bildet die Forschung zu Über- gängen im Lebenslauf (Schröer et al. 2013). Hinter- grund hierfür ist zum einen die sozialpolitische Pro- blematisierung von Übergängen. Zum anderen finden sich auch in den deutschsprachigen Beiträ- gen häufig Verweise auf die angloamerikanische Life-Course-Perspektive (Elder 1998; kritisch: Mar- shall 2005), in der dem Begriff agency eine Schlüs- selrolle zukommt, sowie zur Modellierungen des Sozialen in den Begrifflichkeiten von struc- ture / agency (Raithelhuber 2011). Im Rahmen der vergleichenden europäischen Jugendforschung wird z. B. in subjektorientierter sozialpädagogischer Per­ spektive (Walther et al. 2006; Pohl et al. 2007) ge- fragt, welche agency junge Menschen in Übergän- gen haben bzw. entwickeln können. So wird dort in Übergangsbiografien untersucht, wie sich in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen im Lebenslauf ein „agentic shaping of transitions“ (Pohl et al. 2007, 27) zeigt. Agency wird dort als eine Kategorie auf der Ebene des Individuums ver- standen, die differenziell in ihrer unterschiedlichen Beschaffenheit in den Blick genommen werden soll. Tendenziell werden hierbei die beiden Konzepte „individual agency“ und „social structures“ einan- der gegenübergestellt und in ihrer wechselseitigen Bezogenheit aufeinander thematisiert (z. B. Pohl et al. 2007, 7). Gleichzeitig findet sich mit Verweis auf Emirbayer und Mische (1998) auch ansatzweise eine am Pragmatismus orientierte relationale Modellie- rung von agency (Pohl et al. 2007, 14). In Absetzung zu Ansätzen, die „agency in transi- tions“ im Rahmen der structure / agency-Termino- logie betrachten (kritisch: Hockey / James 2003, 121; Dannefer / Falleta 2007, 52), hat Raithelhuber vorgeschlagen, in der Übergangsforschung ein rela- tionales Verständnis von social agency aufzunehmen (Raithelhuber 2011). Forschungsmethodologisch

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