Handbuch 5. Auflage
528 Böllert Vergemeinschaftungen zustande kommen sollen. Bleibt die Entwicklung solcher Vergemeinschaf- tungsformen den potenziellen Mitgliedern der Ge- meinschaften selbst überlassen, stellt sich die Frage, welche Fähigkeiten und Kompetenzen aufseiten der Betroffenen vorhanden sein müssen, damit diese gemeinschaftsbildend handeln können. Sieht man dagegen in der Initiierung von Gemeinschaf- ten eine genuin sozialpädagogische Aufgabe, dann würde dies einen Begründungszusammenhang be- dingen, aus dem Gemeinschaftsbildung als funk- tionales und professionelles Handlungsmotiv abge- leitet werden kann. Bislang bleibt freilich offen, „was Anlass zu der Hoffnung geben könnte, dass die Aufgabe der Sozialpädagogik gerade in der Ini- tiierung solcher Gemeinschaften liegen könnte“ (Winkler 1995, 180). Erst die Auffüllung dieser wesentlichen Lücken und Defizite der kommunitaristischen Debatte könnte dann zu der Beantwortung der von Brum- lik charakterisierten sozialwissenschaftlichen Fra- gen beitragen, wie sich nämlich menschliche Le- bensformen darstellen lassen, die verbindlicher sind als staatsbürgerliche Zugehörigkeiten, aber weniger bindend sind als private Beziehungen, „ohne dabei die Individuen dem Druck autoritärer Normen und der Autorität nicht frei akzeptierbarer Werte zu unterwerfen. Darüber hinausgehend müsste dann das Problem geklärt werden, wie sich derartige Gemeinschaftsformen so in gesellschaftli- che Zusammenhänge, sozialstaatliche Verrecht- lichung und parlamentarische Demokratie einbin- den lassen, dass der erreichte Stand bürgerlicher Freiheiten, sozialstaatlicher Sicherheiten und (…) politischer Beteiligungs- und Entscheidungsver- fahren nicht verloren geht, sondern möglich noch ausgeweitet werden kann.“ (1992b, 96) Praktisch-politische Konsequenzen eines Gemeinschaftsbezugs Sozialer Arbeit Die damit aufgedeckten Schwächen der Gemein- schaftsdebatte haben zunächst dazu beigetragen, dass ihre Rezeption nicht zu einer Neuorientierung der Sozialen Arbeit geführt hat, sondern deren Handlungsformen stattdessen eher in Frage gestellt worden sind. Vor allem das von Etzioni verantwor- tete „kommunitaristische Manifest“ – als Hand- lungsplattform für auf Gemeinschaften bezogene Interventionen – versuchte erste Hinweise auf die Beantwortung der noch zahlreich offenen Fragen zu entwickeln, indem Perspektiven dargelegt werden, wie in der praktisch-politischen Umsetzung der Kommunitarismus-Debatte soziale Integration zu bewerkstelligen sei. Auffällig für den bundesrepubli- kanischen Kontext ist, dass die hierzu formulierten Vorschläge bevorzugt von denjenigen herangezogen werden, die entweder für eine Vorrangstellung des Marktes gegenüber dem Staat eintreten oder aber die Rückverlagerung sozialstaatlicher Leistungs- angebote in private Lebenszusammenhänge befür- worten. Für beide politisch-konservativen Strategien liefert das kommunitaristische Manifest die ent- sprechenden Argumentationszusammenhänge. Er- ziehungs-, Hilfe- und Unterstützungsleistungen sind demnach vorrangige Aufgabe der bürgerlichen Kleinfamilie. Staatliche Angebote wie z.B. familien- unterstützende Hilfen werden tendenziell abgelehnt. Zu viel Staat statt Freiheit des Marktes, zu wenig Gemeinschaft und Gemeinsinn sind zentrale Kritik- punkte an einer individualistischen Gesellschaft. Öffentliche Einrichtungen haben vor diesem Hin- tergrund vornehmlich die Pflicht, zu einer mora- lischen Werteerziehung beizutragen, die den Einzel- nen dazu befähigt, einen Gemeinsinn zu entwickeln, der durch die Bereitstellung von auf Gegenseitigkeit beruhenden Hilfen öffentliche Unterstützungsange- bote tendenziell überflüssig macht. „Diese Betrach- tungen führen zu dem Schluß“ – so Etzioni (1997, 234) – „einen starken, aber reduzierten Kern des Wohlfahrtsstaates zu erhalten, bestimmte Aufgaben jedoch auf Individuen, Familien und kleinere Ge- meinschaften zu übertragen. Tatsächlich ist der beste Weg, den Wohlfahrtsstaat zu schützen und dauer- haft zu erhalten, der, damit aufzuhören, ihn durch immer mehr Sozialleistungen und Forderungen zu überladen“. Nicht weniger soziale Leistungen, aber weniger Sozialstaat werden somit in einer „Verant- wortungsgesellschaft“ gefordert. Ähnliche Argumente lassen sich in bundesrepu- blikanischen Auseinandersetzungen über die Zu- kunft des deutschen Sozialstaates finden. So hat u. a. Beck (1999; 2000) geschlussfolgert, dass in Bezug auf die Krise der Arbeitsgesellschaft die Chance zu mehr Bürgerarbeit liegt, d. h. dass Tä- tigkeitsperspektiven im Dienstleistungsbereich jenseits der sozialen Integration in und durch Er- werbsarbeit geschaffen werden sollen. Uneinig
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=