Handbuch 5. Auflage
54 Raithelhuber / Schröer wird argumentiert, Praktiken als kleinste soziale Einheit aufzufassen, in denen agency kollektiv her- gestellt wird. Aspekte, die bei der Betrachtung von „agency in transitions“ häufig in den Blick genom- men werden –. wie mentale Kompetenzen, Emotio- nen, Wissen oder Verlangen –, werden so nicht an vorab gegebene Eigenschaften von Individuen ge- bunden. Ebenso wird so „Struktur“ nicht als etwas untersucht werden, das „im Kopf“ entsteht oder an- gelagert ist – oder etwa außerhalb des Individuums liegt und diesem quasi gegenübersteht. Struktur muss vielmehr als etwas Prozessförmiges und Tem- porales gefasst werden. Entsprechend sind auch komplexe soziale Phänomene wie agency in ihrer Relationalität und Prozessualität zu untersuchen. Etwas, das als Eigenschaft einer Entität oder als et- was Ursprüngliches erscheint, ist somit grundsätz- lich als empirischer Effekt zu verstehen, der als Teil einer fortdauernden Bewegung und als „in Bezie- hung“ begriffen werden muss. Im Kontext einer solchen relational-relativistischen Perspektive sind damit die Koordinationsprozesse zu rekonstruieren, mit denen sich Menschen als „agents“ des Über- gangs darstellen und sich „agency in transitions“ verleihen und abverlangen. So geraten dann nicht etwa kognitive Fähigkeiten in den Vordergrund, die häufig tief in das Individuum versenkt werden und dort als dispositionale Eigenschaften erdacht sind, die dann in Übergängen „zum Einsatz“ kommen. Vielmehr wird danach gefragt, wie solche kogniti- ven Fähigkeiten, die in Momenten der „Entschei- dung“ („choice in transition“) häufig eine Rolle spielen, aus dem kausal-relationalen Zusammen- spiel einer Vielzahl von Akteuren (Menschen und Artefakte) in Übergangsszenarien gebildet und rele- vant gemacht werden. Mit Verweis auf Arbeiten zum „material turn“ wird argumentiert, dabei besonders für die Rolle von Objekten und Artefakten in Übergängen sen- sibel zu sein. Denn gerade in der technologisch- professionellen Strukturierung von Übergängen kommen zahlreiche Dinge zum Einsatz, die von menschlicher agency zeugen (sollen) und die ih- nen gegenüber als „agents“ fungieren. Auf der Grundlage eines relationalen Verständnisses wird es so möglich, zu fragen, wie „agency in transi- tions“ möglich ist und wie sie als kollektive Errun- genschaft hergestellt wird. Ein solches Ereignis kann dabei als Situation untersucht werden, in der sich Menschen und Dinge wechselseitig beeinflus- sen. Dabei ist davon auszugehen, dass dieses Über- gangsgeschehen es erforderlich machen kann, über die vermeintliche Lokalität und zeitliche Eingrenz- barkeit der direkt beobachtbaren Interaktionen hinaus den Verbindungen nachzugehen, die sie erst voll verstehbar machen (Raithelhuber 2012, 146 ff.). Agency in der sozialpädagogischen Kindheitsforschung In jüngerer Zeit findet sich auch in der (sozial-) pädagogischen Forschung zu Kindheit eine Ausein andersetzung mit dem Konzept agency. Z. B. ver- folgt Eßer das Anliegen, sich von vorsozialen subs- tanzialistischen Begriffen der agency ebenso abzusetzen wie von einer häufig damit verbunde- nen theoretischen Modellierung des Sozialen in der dualistischen Entgegensetzung von structure und agency. Eßer zieht demgegenüber im Anschluss an Corsaro (Corsaro 2005) ein relational-dynamisches und temporales Verständnis von agency vor. Der besondere Verdienst ist es dabei, die Frage nach ei- ner theoretischen Begründung und methodischen Untersuchbarkeit von agency mit der Frage nach der „Generationalität“ zu verbinden. Ausgang bil- det die Ansicht, dass „agency immer nur auf der Ebene gemeinsamen sozialen Handelns rekonstru- ierbar ist“ (Eßer 2008, 141). Dementsprechend gelte es, die kollektiven kooperativen Herstellungs- prozesse von agency zu analysieren, in denen z. B. Kinder sich kultureller Muster, sozialer Praktiken und materialer Artefakte bedienen. Seinem relatio- nalen Zugang folgend geht Eßer davon aus (146), „dass sich agency für Kinder (als Kinder) lediglich in Pro- zessen generational kodierter sozialer Interaktion reali- siert und diese folglich eine entscheidende Ebene der Analyse darstellt“. Aus diesen Überlegungen heraus wird gefordert, generell stärker in der sozialpädagogischen For- schung und Praxis die Möglichkeiten und Bedin- gungen von agency für Kinder in den Blick zu neh- men. Dabei soll gerade die Bedeutung interaktiv hergestellter generationaler Differenz berücksich- tigt werden.
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