Handbuch 5. Auflage

534 Maurer · May  halten“ (Barz 1984, 120) seien. Diskursanalytisch gesehen geht es der analytischen Psychologie in ihrer Animus / Anima-Lehre darum, „anatomische Elemente, biologische Funktionen, Verhaltenswei- sen, Empfindungen und Lüste in einer künstlichen Einheit zusammenzufassen und diese fiktive Ein- heit als ursächliches Prinzip, als allgegenwärtigen Sinn und allerorts zu entschlüsselndes Geheimnis funktionieren zu lassen“, so Foucault (1983, 184), wenn auch in einem etwas anderen Kontext. Auch die klassischen Ansätze einer Psychoanalyse der Geschlechtlichkeit teilen nahezu alle die Freudsche Annahme, dass Anatomie Schicksal sei. Besonders deutlich wird dies bei Eriksons Deu- tung des psychophysiologischen Parallelismus, dem zufolge „im Erlebnis des Grundplanes des menschlichen Körpers ein tiefer Unterschied zwi- schen den Geschlechtern“ (Erikson 1970, 286) besteht. Zwar entgeht Erikson damit dem Andro- zentrismus-Vorwurf, der von feministischer Seite gegenüber Freuds Theorie des Penisneides zu Recht erhoben wurde. Allerdings sieht Freud Ge- schlechtsunterschiede nicht einfach als geradezu zwangsläufige Folge unterschiedlicher Anatomie. Der „psychoanalytische Feminismus“ betrachtete Freuds auf relationale Aspekte bezogene Denk- methode als geradezu „revolutionär“ (Dinnerstein 1976, 13) und würdigte seinen Beitrag zur Ver- tiefung des Bewusstseins über die ungeheuren Belastungen, „die der männlichen wie der weibli- chen Persönlichkeit durch die Tatsache auferlegt wird, dass die wichtigste erwachsene Person in der Säuglingszeit und der frühen Kindheit weiblichen Geschlechts ist“ (Dinnerstein 1976, 13). In der Praxis Sozialer Arbeit wurden diese Theorien nicht nur von feministischer Seite aufgegrif- fen – Michael Lukas Moeller schloss mit seinem Begriff „Männermatriarchat“ ebenfalls daran an; er hob hervor, dass „in der vaterlosen Gesellschaft, wider Willen isoliert, […] nur noch die Mutter die Entwicklung zum Mann“ (Moeller 1981, 213) be- stimme. Während Moeller eher die Paarbeziehung fokussierte, wurde in der Praxis der Sozialen Arbeit die Idee entwickelt, das „fehlende Dritte“ durch „pädagogische Väter“ zu ersetzen. Dieser Ansatz wurde nicht nur von feministischer Seite kritisiert (siehe die Debatte in Sturzenhecker 1996): Nur allzu leicht bestehe hier die Gefahr, die klassische (ödipale) Spaltung zwischen (weiblichem) Liebes- und (männlichem) Identifikationsobjekt sowie die damit verbundene Aufspaltung in Objekt- und Ak- tivitätsstreben zu wiederholen. Wie Jessica Benja- min (1990) überzeugend herausgearbeitet hat, ver- festigten sich so die beiden Tendenzen von Autonomie und Gegenseitigkeit bzw. Freiheit und Sorge zu jener (Geschlechter-)Polarität, auf der die Reproduktion der männlichen Dominanz gesell- schaftlicher Öffentlichkeit seit Beginn der Moderne fuße. Auch das Konzept „pädagogischer Väter“ (Winter 1993) formuliert durchaus den Anspruch, die Institutionalisierung dieses Gegensatzes über- winden zu wollen. Angestoßen unter anderem durch die Arbeiten Benjamins zeigten sich im bundesdeutschen Femi- nismus spätestens ab Ende der 1980er Jahre starke Tendenzen, nach dem „Diskurs der Gleichheit“, der sich in pädagogischen Programmen wie „Mäd- chen in Männerberufe“ umsetzte, und dem „Dis- kurs der Differenz“, der das „spezifisch weibliche“ in der gesellschaftlichen Erfahrung von Mädchen und Frauen zu akzentuieren oder erst zu entfalten trachtete, nun zu einer dialektischen Synthese der damit thematisierten Dimensionen und Orientie- rungen zu kommen. Das so begründete Prinzip „egalitärer Differenz“ bot nicht nur eine Orientie- rung für die Praxis der Beziehungsarbeit in ge- schlechtshomogenen wie koedukativen Ansätzen einer gender-sensiblen Pädagogik. Es begann sich auch in einer entsprechenden „Pädagogik der Viel- falt“ (Prengel 1986) umzusetzen und wurde – rück- blickend – so nicht nur zur Maxime für Gender- Mainstreaming-Prozesse, sondern auch für die Orientierung an und die Anerkennung von „diver- sity“. Von besonderer Bedeutung für die Soziale Arbeit waren sowohl der feministische, an Chodorow, Dinnerstein und Benjamin anschließende Diskurs, wie auch der in Deutschland dann sehr stark durch Böhnisch und Winter (1993) angestoßene Diskurs zur „männlichen Sozialisation“. Hier wurde der Versuch unternommen, tiefenpsychologische As- pekte – vor allem der psychoanalytischen Objekt- beziehungstheorie und Selbstpsychologie – mit gesellschaftstheoretischen Aspekten zu vermitteln und damit auch politische Perspektiven zu eröff- nen. Deutlich wird an dieser Stelle, dass die Über- gänge zwischen identitäts- und den im Folgenden diskutierten rollenorientierten Modellen durchaus fließend sind.

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