Handbuch 5. Auflage
Gender, Genderforschung 535 Unterschiedliche Ansätze der Geschlechtsrollentheorie In eher psychologisch orientierten Ansätzen wird der Begriff „Geschlechtsidentität“ häufig auf die Dimension eines entsprechenden Selbstkonzeptes begrenzt und damit einer rein verhaltensbezogen begriffenen Geschlechtsrolle quasi gegenüberge- stellt (so schon bei Money / Erhardt 1975). Im Unterschied dazu formuliert z. B. Bierhoff-Alfer- mann (1989) ein psychologisches Modell, das die Selbstwahrnehmung von geschlechtlicher Identität als Äußerungsform einer umfassend verstandenen Geschlechtsrollenentwicklung betrachtet. Auch in der Soziologie wird der Geschlechtsrollen- begriff durchaus unterschiedlich akzentuiert. Ein komplexeres begriffliches Konzept, mit dem so- wohl statusspezifische wie positionsgemäße Erwar- tungen gefasst werden, hat etwa Helge Pross (1984) entwickelt. Das Verhältnis zwischen Verhaltens- erwartungen und dem, wie sich Geschlechtsrollen in situationsspezifischen Handlungen dann kon- kret umsetzen, bleibt jedoch auch hier unterbe- stimmt. In pädagogisierender Engführung wird die Ge- schlechtsrollenentwicklung vor allem durch Sank- tionstätigkeit erklärt. Dieser Logik folgend könnte die Ungleichheit der Geschlechter durch (sozial-) pädagogische Maßnahmen beseitigt werden, die Klischees abbauen und Rollen neu definieren. Da- durch, dass Klischees immer wieder thematisiert werden, verbunden mit der Aufforderung, sich da- von zu distanzieren, kann jedoch ungewollt auch die Fixierung auf solche Klischees verstärkt werden. Die Logik der Rollentheorie zwingt überdies dazu, von der Analyse eines jeweiligen „normativen Stan- dardfalles“ auszugehen, wobei die Kategorien „Frauen“ und „Männer“ mehr oder weniger un- überprüft vorausgesetzt und die auch innerhalb der Geschlechtsgruppen bestehenden Differenzen ver- nachlässigt werden. Eine Reflexion auf das (hierar- chische) Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird damit selten verbunden. „Macht“ kommt in rollentheoretischen Ansätzen in der Regel nur als diejenige „der Gesellschaft“ in den Blick, die bei- den Geschlechtern ihre jeweiligen Rollen auferlegt, nicht jedoch als ein auch zwischen den Geschlech- tern wirksames Verhältnis. „Beide“ Geschlechts- rollen erscheinen so als prinzipiell gleichwertig und funktional aufeinander bezogen (z. B. Komarovsky 1992). Bob Connell (1986, 335) hat dies als „He- runterspielen der Umstände“ kritisiert – und spricht z. B. die in erster Linie von Männern aus- geübte wirtschaftliche, häusliche und politische Macht an. Auch soziologische Geschlechtsrollentheorien er- weisen sich als begrenzt, wenn es darum geht, den historischen Charakter der Geschlechterverhält- nisse als Dialektik von Veränderung zu erfassen, welche sich im Zusammenspiel zwischen gesell- schaftlichen Praxen, in denen sich Geschlechtlich- keit sozial manifestiert (doing gender), und deren sozialstrukturellenVoraussetzungen entfaltet. Diese Dialektik in den Blick zu nehmen ist jedoch Vo- raussetzung, um realistische emanzipative Hand- lungskonzepte in der Sozialen Arbeit zu entwickeln, die auch nach den Bedingungen der Möglichkeit einer subjektiven Veränderung fragen. Macht reflektierende Basistheorien Die meisten Patriarchatstheorien ebenso wie struk- turalistischeTheorien (z. B. Becker-Schmidt 1987), sind sich mit marxistischen Anthropologen (z. B. Meillassoux 1976) darin einig, dass die Verfügung über Frauen als Produktionsmittel der Hebel gewe- sen sei, um den Patriarchalismus in klassenlosen Gesellschaften zu institutionalisieren. Marx para- phrasierend hat Ute Gerhard (1978, 7) solche Theorien dahingehend kritisiert, dass die Erfor- schung der Unterdrückung der Frau in ihrem „Ur- zustand“ nichts erkläre, weil sie „bloß die Frage in eine graue, nebelhafte Ferne“ schiebe. Gerhards Vorwurf trifft erst recht jene Rekonstruk- tionen, die mit Ansätzen in der Tradition der ana- lytischen Psychologie korrespondieren – von Bach- ofens (1980) aus der griechischen Mythologie herausgearbeiteter Vorstellung eines „ursprüng- lichen Matriarchats“ bis hin zu Ansätzen einer „Zivilisationsgeschichte aus weiblicher Sicht“ (Da- vis 1980; etwas differenzierter Rentmeister 1985). Auch wenn in Mythen immer auch Botschaften über reale Ereignisse enthalten sind – die mit den genannten Arbeiten angedeuteten Diskurse haben tendenziell zur Entstehung eines (neuen) „Mythos vom Matriarchat“ (Wesel 1980) bzw., auf Bach- ofen bezogen, zu einem „Mythos des Mutterrechts“ (Zieser 1981) beigetragen. Schon Erich Fromm hat die „regressive“ Tendenz dieses „Neomatriarchalis-
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