Handbuch 5. Auflage
536 Maurer · May mus“ kritisiert und eingewandt, dass auch eine reine „Negation des Patriarchalismus“ nicht auto- matisch eine „dialektische Progression zu einer hö- heren Form des ‚Matriarchalismus‘“ (Fromm 1976, 75) eröffne. Ansätze geschlechtsbewusster Sozialer Arbeit, die sich auf eine solche Art von „Neomatriarchalismus“ oder aber auf universalistische und damit ahistori- sche Patriarchatstheorien zu gründen versuchen, beschränken sich notgedrungen auf Appelle, An- klagen und Opposition. Es ist jedoch zu fragen, ob vor dem Hintergrund von Täter /Opfer-Zuschrei- bungen gerade Jungen und Männer dazu bewegt werden können, (selbst)kritisch Verantwortung für ihr Handeln in Geschlechterbezügen zu überneh- men und an einer Veränderung der Geschlechter- Macht-Verhältnisse zu arbeiten. Gegenüber verein- fachten Schuldzuweisungen scheint es für sie nahe zu liegen, sich auf eigene Opfer-Erfahrungen zu- rückzuziehen, wie dies denn auch in vielen masku- linistischen Publikationen zum Ausdruck kommt. Aus der leidenschaftlich geführten Debatte um das Zusammenspiel zwischen Kapitalismus und Patri- archat (Hearn 1987) wäre zu lernen, dass sich Stra- tegien der Veränderung nur entwickeln lassen, wenn die jeweils historisch konkrete Bedingtheit des Geschlechterverhältnisses herausgearbeitet wird – zusammen mit dem Versuch, über Erzie- hung und Bildung das „geschichtliche Vermögen des ganzen Lebewesens“ (May 2009) zu verwirk- lichen und insgesamt eine Verbindung zwischen geschichtlicher (kollektiver) Emanzipation und ei- ner Emanzipation in den (individuellen) Lebens- läufen zu ermöglichen. Nicht weniger als das ist das Ziel des Konzeptes der hegemonialen Männ- lichkeit. Die Anwendung des Hegemonie-Konzeptes auf das hierarchische Geschlechterverhältnis Im Zuge der Kritik an Entsubjektivierung und Ent historisierung des Geschlechterverhältnisses in der Rollentheorie, suchten auch Männerforscher nach Anknüpfungspunkten, Maskulinität (wie Femini- tät) nicht als bloß aufgezwungene „Vorschrift“, sondern als gelebte Erfahrung zu fassen. Ermögli- chen sollte dies eine Theorie der Praxis, „die sich darauf konzentriert, was die Menschen tun, wenn sie die gesellschaftlichen Beziehungen gestalten, in denen sie leben“ (Connell 1986, 339). Von daher lag es nahe, an Antonio Gramscis Hegemonie- Konzept anzuknüpfen (Connell 1999). Mit einer solch „praxisorientierten Theorie der Ge- schlechterverhältnisse“ (Connell 1986, 343) sollten auch neue Ansatzpunkte und Begründungen für eine Veränderung dieser Verhältnisse durch Ge- schlechterpolitik gewonnen werden. Connell hat „Hegemoniale Männlichkeit“ (HM) als „Konfigu- ration geschlechtsbezogener Praxis“ zu definieren versucht, welche die „momentan akzeptierte Ant- wort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll)“ (Connell 1999, 98). Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird im Konzept HM so nicht als Konfrontation zwischen zwei jeweils in sich homogenen Ge- schlechtern gesehen. Vielmehr differenziert HM zwischen verschiedenen kollektiven Praxen der Ge- schlechtlichkeit, die aber als insgesamt in einer he- gemonialen Struktur zusammengeschlossen ge- dacht werden. Während in der bundesdeutschen Rezeption Walter Hollstein (1991) – wie später auch Lothar Böhnisch (2001; 2003) – immer wie- der betont haben, dass viele „Männlichkeiten“, ähnlich wie Weiblichkeiten, ebenfalls durch die „männliche Hegemonie“ unterdrückt würden, ge- steht Connell zwar zu, dass nur sehr wenige Män- ner dem in der HM verkörperten kulturellen Ideal entsprächen. Die meisten von ihnen wirkten aber an dessen Aufrechterhaltung deshalb mit, weil sie von der Unterdrückung der Frau, mit der HM ganz zentral verknüpft sei, profitierten. Connell (1987) spricht im Zusammenhang mit strukturel- len Privilegien, in deren Genuss Männer ganz un- abhängig von ihren subjektiven Einstellungen, Orientierungen und Praktiken kommen, von einer „patriarchalen Dividende“. In ihrer kritischen Reformulierung des Konzeptes HM erinnern Connell /Messerschmidt (2005, 848) daran, dass dieses ursprünglich auch ein Pa- rallelkonzept hegemonialer Weiblichkeit enthielt, das dann (Connell 1987, 183) in „emphasized fe- mininity“ umbenannt wurde, um die asymmetri- sche Position von Männlichkeiten und Weiblich- keiten in einer partriarchalen Ordnung kenntlich zu machen. Das „externe“ Verhältnis von HM zu den wie auch immer gearteten Weiblichkeiten sei
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