Handbuch 5. Auflage

538 Maurer · May  holung dieser Bezeichnungspraxen. Es könne so gelingen, den Diskurs der binären Zweigeschlecht- lichkeit entlarvend aufzubrechen und in der Ver- vielfältigung der Geschlechter ganz unterschiedli- che politische Ziele zu besetzen und zu verfolgen. In einer solchen Resignifizierung der entspre- chenden „Bezeichnungspraxen“ (Butler 1991, 212) durch die Denaturalisierung solcher Katego- rien wie „Körper“, „Identität“ oder „Subjekt“ als politische Kategorien (Butler 1991, 187) sieht Butler eine wesentliche Perspektivenerweiterung des Feminismus, welche auch neue, über den Fe- minismus hinausweisende geschlechterpolitische Koalitionen eröffne. Ohne die subversiven Möglichkeiten einer parodis- tischen Wiederholung jener Bezeichnungspraxen auch für die Praxis Sozialer Arbeit relativieren zu wollen, wäre es dennoch illusorisch zu glauben, diese seien hinreichend für eine Perspektive „menschlicher Verwirklichung“. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass selbst parodistisch enttarnte Kon- struktionen nach wie vor „im Fleisch sitzen“, weil sie sich dort materialisiert haben. Marx paraphra- sierend wären die rigiden Verhältnisse körperlicher Repräsentanz und Selbststilisierung vielleicht am ehesten „dadurch zum Tanzen zu zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie“ (Marx o. J., 381 f.) des Verhaltenszwanges „vorsingt“. Dies wäre aber nur der erste Schritt zu einer „Emanzipation der Sinne“. Motor eines solchen Prozesses sind Eigenschaften und Vermögen wie Spontaneität, Sinnlichkeit, Sensibilität und Emp- findungen, die sich nicht künstlich, und auch nicht pädagogisch erzeugen lassen. Soziale Arbeit kann aber einen Rahmen schaffen, der ihren AdressatIn- nen die Gelegenheit zu neuen Erfahrungen mit sich selbst und anderen bietet, um damit verbun- den Wahrnehmungsweisen, Eigenschaften und Vermögen selbsttätig zu entwickeln. Dies erfordert allerdings, den Rahmen der Dekonstruktion zu überschreiten (May 1999; 2006). Gender als politische Kategorie Trotz Dekonstruktivismus hat die Gender-Per- spektive als sowohl kritischer wie normativer Ho- rizont im Kontext strukturell verankerter und abgesicherter Ungleichheitsverhältnisse und als sich sehr konkret darstellender Erfahrungszusam- menhang nichts an Aktualität verloren. Deshalb ist Gender auch als politische Kategorie zu kenn- zeichnen, mit der Problemlagen thematisiert und auf die hin konkrete Arbeitskonzepte entwickelt werden können. Neben dem andauernden Bemü- hen um Sensibilisierung für die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in Denken und Handeln und in einer Perspektive der Gerechtigkeit, die sich im Kontext übergreifender sozialpolitischer Auseinandersetzungen ebenso bewähren muss wie in der konkreten Hilfe- und Angebotsplanung vor Ort, steht der alltägliche Kampf um Ressourcen, um Geld und Räume, um eine qualifizierte per- sonelle Ausstattung. Die Problematik der Finanzierung der notwendi- gen Ressourcen und des Aufbaus einer auch lang- fristig abgesicherten Infrastruktur für geschlechter- demokratische Arbeit verweist auf die komplizierte Dynamik von Betonung und Relativierung der Geschlechterdifferenz. Eine der schwierigsten Auf- gaben liegt darin, gendersensible Entwürfe und Praxen zu riskieren, ohne dem Sog der Identifizie- rung zu unterliegen. Als pädagogisch-produktiv er- weist sich hier eine Perspektive, die nicht die Be- sonderheit qua Geschlecht betont, sondern in konkreten Schritten an Wahl- und Verwirk- lichungsmöglichkeiten arbeitet und damit die in den Geschlechterverhältnissen enthaltene Kon- fliktdimension nicht nur präsent hält, sondern auch der Auseinandersetzung und Bearbeitung öffnet (Maurer 2002). Thematisierungsdynamiken der Genderforschung Vor dem Hintergrund des andauernden Kampfes um Anerkennung der Perspektiven und Beiträge der Frauen-, Geschlechter- und auch Männlich- keitsforschung macht es Sinn, dieThematisierungs- dynamiken im Kontext von Genderforschung ge- nauer in den Blick zu nehmen. Es geht dabei weniger um die erarbeiteten Befunde, Erkenntnisse und (kontroversen) theoretischen Konzeptionen, auch weniger um die Dekonstruktion bisheriger (als zu begrenzt empfundener) Denkangebote und Analyse-Möglichkeiten, sondern viel mehr um die Fragen, an denen sich die entsprechenden Denkbe- wegungen historisch-konkret abgearbeitet haben – und auch heute abarbeiten müssen.

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