Handbuch 5. Auflage
Gender, Genderforschung 539 So wurde etwa angesichts der Einführung und Ver- wendung des englischen Begriffes Gender selbst die Frage formuliert, inwiefern dadurch der Aus- einandersetzung mit Geschlecht womöglich etwas von ihrer (ver)störenden Qualität genommen wird. Gender erscheint im Zuge dessen häufig nur noch als „eine Variable unter vielen, die Wirklichkeiten mit-konstituiert“, oder wird, als Kategorie nicht weiter hinterfragt, zum alles entscheidenden Merk- mal einer radikalen leiblichen Differenz. Vor die- sem Hintergrund stellt sich die Frage, wie eine Praxis des Nachdenkens über Gender kultiviert werden kann, die die bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen aufnimmt und mit Bezug auf heutige Problemstellungen weiterentwickelt. Nicht nur die Frage nach den konkret gelebten Ge- schlechterverhältnissen oder nach den konkret er- lebten Wirkungen der Kategorie Geschlecht ver- langt nach einer dezidiert historischen Perspektive und einer gesellschaftspolitischen Kontextualisie- rung – auch die Frage danach, wie „das Zeichen Geschlecht“ jeweils besetzt wird. Der Bereich der Erkenntnis ist ein Feld gesellschaftlicher, institutio- nell und disziplinär vermittelter Praxis. Wird bei Versuchen der Rekonstruktion entsprechender Denk-Bewegungen zum Zwecke der kritischen Bi- lanzierung außer Acht gelassen, welche erkenntnis- politischen Strategien sich damit jeweils verbunden haben, so kann nur ungenügend herausgearbeitet werden, inwiefern diese Strategien der Legitimie- rung von Ansprüchen auf gesellschaftliche Teilhabe dienten. Wird heute bspw. der homogenisierende Effekt der Rede von / über „Frauen“ oder „Männer“ problematisiert, so sollte dabei nicht vergessen wer- den, dass eine entsprechende Begriffspolitik und Deutungspraxis nicht zuletzt entwickelt wurde, um kollektive (oder auch individuelle) Handlungs- möglichkeiten zu entfalten. Genderforschung und „agency“ Vor allem Frauen als konkrete historische Indivi- duen, also als Verschiedene, konnten für sich über den Referenzpunkt „Geschlecht“ einen eigenen historischen und gesellschaftlichen Ort rekonstru- ieren und begründen und damit immer wieder auch zu einem „kollektiven Subjekt“ der Geschichte und gesellschaftlicher Veränderung werden. So war etwa die Idee der „Gleichheit von Frauen“ im Kon- text der Frauenbewegungen eng verknüpft mit dem Postulat der „Solidarität unter Frauen“. Mit Hilfe dieses Postulats konnte die Hypothese der Gleich- heit dann wiederum kritisch hinterfragt wer- den – so z. B. sehr früh auf internationalen Frauen- kongressen, in der Konfrontation von privilegierten „weißen“ Frauen mit Frauen aus anderen Ländern und Erdteilen; so auch in der innergesellschaftli- chen Konfrontation zwischen Frauen, die sich im- mer wieder plötzlich als Angehörige verschiedener Klassen bzw. auf Seiten der Dominanzkultur oder auf Seiten einer ethnischen oder kulturellen Min- derheit wiederfanden. Mit Hilfe der Idee der „Gleichheit“ und vermittelt über das sich darauf beziehende Postulat der Frauensolidarität konnte also auch soziale Ungleichheit unter Frauen thema- tisiert werden, wenn auch auf durchaus irritierende und verunsichernde Weise. Das Betonen der Gemeinsamkeit in der Erfahrung von Unterdrückung und Diskriminierung, von Enteignung und Entwertung der eigenen Arbeit hatte historisch und politisch eine wichtige Funk- tion. Der dabei ebenfalls entstehende homogeni- sierende Effekt ist die problematische Schattenseite dieser Geschichte – vielfach kritisiert von Feminis- tinnen selbst. In der inzwischen ausgearbeiteten Kritik an den sog. „Identitätspolitiken“ wird häufig nicht reflektiert, dass hier nur eine bestimmte Aus- prägung und Facette einer Politik reflektiert wird, die sich auf „Identität“ bezieht (Maurer 1996). Durchgesetzt hat sich die Verwendung des Begriffs „identity politics“ im Sinne der Bezugnahme auf eine ganz bestimmte Teilgruppen-Zugehörigkeit (z. B. „schwarze lesbische Feministin“). Das Bei- spiel verweist dabei selbst bereits auf „Identität“ als Schnittfläche oder Konfiguration unterschiedlicher Zugehörigkeiten. Der Begriff „Identitätspolitik“ erscheint in man- cher Hinsicht paradox – bindet er doch zwei un- terschiedliche Begriffe zusammen, die zumindest auf den ersten Blick verschiedenen Sphären ent- stammen. Er zeigt an, dass „Identität“ nicht etwa eine essentielle, „unhintergehbare“ Kategorie dar- stellt, sondern historisch-gesellschaftlich konstitu- iert / konstruiert und damit auch verhandelbar ist. Es geht also weniger um die ganz bestimmte Iden- titätspolitik einer ganz bestimmten Gruppe, son- dern ganz grundsätzlich um die Frage nach „Iden- tität“ als Medium, als Ausgangspunkt und Fluchtpunkt von „Politik“.
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