Handbuch 5. Auflage
540 Maurer · May Man kann die These formulieren, dass die Bedeu- tung feministischer Identitätspolitiken mit dem prekären Subjekt-Status von Frauen in Verbindung steht: Frauen bzw. weiblichen Individuen wurde historisch und kulturell dieser Status in spezifischer Weise vorenthalten. Identitätspolitik von Frauen kann daher immer auch als Bewältigungsversuch oder -strategie, als Gegen-Bewegung zu der damit verbundenen existentiellen Verunsicherung ver- standen werden. Der Gegenstand verweist also auf nicht weniger als auf die strukturellen und sym- bolischen Bedingungen „weiblicher Existenz“, die Psychodynamik bzw. die Subjektivität der Indivi- duen imKontext ihrer jeweiligen Lebensgeschichte, die Gruppendynamik bzw. die Identitäts- oder Zu- gehörigkeitskonstruktionen im Kontext oppositio- neller Kollektive und auf die Dimension der Er- kenntnismöglichkeiten bzw. der Modalitäten des Denkens und Sprechens. Feministisches Denken hat – nicht zuletzt im Me- dium wissenschaftlicher Forschung und Theorie- bildung – Identifizierungen des „Weiblichen“ pro- blematisiert, die zur Unterordnung, Abwertung und Ausgrenzung konkreter weiblicher Individuen und des „weiblichen Geschlechts als Gruppe“ füh- ren oder beitragen. Im Zuge dessen wurden aller- dings wiederum Identifizierungen des „Weibli- chen“ vorgenommen. Feministische Denkerinnen kritisierten den Zusammenhang von „Identitäts- logik und Gewalt“ auch in Bezug auf die Ge- schlechterverhältnisse. Vernunft- und Erkenntnis- kritik in feministischer Perspektive wurden daher notwendigerweise immer wieder zur Selbstkritik, die sich auf die eigenen identitätslogischen Ver- fahren richtete. Gleichzeitig wäre nach deren indi- viduellen und kollektiven Funktionalitäten im Hinblick auf „weibliche Subjekt-Werdung“ und Handlungsfähigkeit (agency) zu fragen. Festgehalten werden kann, dass feministische Be- wegungen der Kritik an herkömmlichen Ver- nunftkonzeptionen und Denkgewohnheiten aus der Perspektive der „Erfahrungen von Frauen“ eine neue Facette hinzugefügt und damit auch bisherige Praxen der Kritik kritisch hinterfragt haben: Die „Logik“ geschlechtsbezogener Aus- blendungen und Verdeckungszusammenhänge ist damit deutlich geworden. Negierung und Ab- wertung weiblicher Arbeit und Erfahrung wurden als solche erkannt und kritisiert, in der Erkennt- nis, dass „das Menschliche“ sich als „Allgemeines“ nur behaupten kann, wenn es die Erfahrungen und Perspektiven der Verschiedenen umfasst bzw. bewusst würdigt und anerkennt – und zwar un- abhängig davon, ob sich die „Differenz“ dabei aus „Geschlechtergrenzen“ bestimmt oder noch ande- ren Grenzziehungen entstammt. Damit steht nicht nur die „Verfasstheit der Geschlechterver- hältnisse“ zur Disposition – auch die Verhältnisse unter Frauen sind zu problematisieren, ebenso wie die „Verhältnisse“ jeder einzelnen Frau in und mit sich selbst. Erkenntnispolitiken und Grenzerfahrungen Genderforschung ist nicht zuletzt in ihrer Qualität als Praxis zu kennzeichnen, mit der bestimmte (Erkenntnis-)Erfahrungen gemacht werden und die auch an Grenzen stößt. Seyla Benhabib (1992) bringt Kritische Theo- rie – als solche kann feministische Theoriebildung ebenso wie das, was unter dem label „mens studies“ firmiert, verstanden werden – mit einem Span- nungsfeld von Kritik, Norm und Utopie in Ver- bindung. Indem diese drei Qualitäten aufeinander bezogen gedacht werden, lassen sich mehrdeutige oder auch widersprüchliche (Erkenntnis-)Strate- gien angemessener begreifen. Denn die Bewegung der Grenzüberschreitung (Kritik) ist von der Sehn- sucht nach Verortung (Zugehörigkeit, Stimmig- keit, Gültigkeit) durchzogen. Etwas als gültig zu betrachten hat auch mit der Anerkennung von Wirklichkeit(en) zu tun – in der Perspektive einer (ethisch und kritisch begründeten) Normativität, die sich ihrer eigenen Relativität und Vorläufigkeit bewusst bleibt. Der Umgang mit Heterogenität bleibt eine Heraus- forderung: Selbst wenn heute „diversity politics“ die eben thematisierten „identity politics“ abzulö- sen scheinen, so ist damit noch keine Lösung des Problems verbunden. Diversitäts-Bewusstsein kann in Erinnerung halten, dass sich „Gleichheiten und Unterschiede“ je nach Kontext unterschiedlich konstellieren, also je nach Situation unterschiedlich an Bedeutung gewinnen oder auch verlieren. Die Rede von „diversity“ kann aber auch zu einer Vor- stellung von beliebig vervielfältigbarer Differenz führen, die dem sog. Egalitäts-Mythos zuarbei- tet – Ungleichheit erscheint dann nicht mehr als Problem, denn alle sind ja darin gleich, dass sie
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