Handbuch 5. Auflage

Gender-Mainstreaming in der Sozialpädagogik 547 diese Querschnittsaufgabe bis in die Bezeichnung des Ministeriums, sogar administrativ-politisch in Legislative und Exekutive bundesministeriell ver- ankert. Das Gender-Mainstreaming-Prinzip kon- kretisiert dieses Ziel zusätzlich durch einen klaren Bezug auf die Entscheidungsprozesse in sozialpäd­ agogischen Organisationen, z.B. Wohlfahrtsver- bände, Jugendämter oder Kindereinrichtungen. Doch es sind nicht nur die Entscheidungsprozesse und äußeren Organisationen, die es für sozialpäd­ agogische Reflexionen zu berücksichtigen und über Gender-Gerechtigkeit, Gender-Demokratie und Vielfalt von Lebensformen aufzuschließen gilt, sondern jede individuelle Praxis gegenüber gesellschaftlich gegebenen Regeln für Frauen und Männer; Erwartungen an Frauen und Männer; Positionen für Frauen und Männer; Identifikati- onsangebote für Frauen und Männer: Gender- Mainstreaming bezeichnet die Beziehung zwi- schen den Geschlechtern und die Muster ihrer Regulierung sowie die institutionelle Verankerung dieser Regeln und die Struktur sozialer Praxis in Organisationen. Und dies wiederum gilt dann so- wohl für die sozialpädagogisch-interaktiven Pra- xen und Methodiken als auch für die administra- tiven bzw. politischen Verhandlungsarenen und ist dementsprechend ebenso in den Arbeitsbezie- hungen und im Sozialmanagement zu verankern als Denk-, Reflexions-, Planungs-, Handlungs- und auch Evaluationsansatz und (Qualitäts-)Krite- rium. Ausgehend von einer ko-konstruierend-ko- operativen Haltung als Grundfigur der Inter- aktion sind dabei sowohl Top-down-Prozesse als auch Bottom-up-Prozesse angemessen zu berück- sichtigen und auszugestalten. Dadurch wird Gen- der-Kompetenz in vielfältiger Konkretisierung zum Maßstab sozialpolitischer und sozialpädago- gischer Professionalität. Gender-Kompetenz als wesentliches Element sozialpädagogischer Professionalität Entgegen der auch in der Sozialpädagogik fortdau- ernden, häufig nur dualen Konstruktion der Ge- schlechterrollen von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern, Müttern und Vätern erschließt sich durch ein Gender-Denken, dass Vielfältigkeit an die Stelle von dualer Konstitution, komplexe Möglich- keiten anstelle von polaren Sichtweisen und eine Perspektive auf egalitäre anstelle hierarchischer Vo- rannahmen tritt, wodurch sich das Denken und Handeln in der Sozialpädagogik deutlich differen- ziert. Dies wiederum bedeutet, das Arbeitspro- gramm sowohl bezogen auf die sozialpädagogisch Professionellen als auch auf die Adressatinnen und Adressaten, die Methoden, Hilfeformen und Wirk- weisen auszuarbeiten und in der Theoriebildung ebenso wie in empirisch gehaltvollen Forschungen zu verankern. Sozialpädagogisch konkretisiertes Gender-Main- streaming – also Gender-Kompetenz – wird da- durch zur Schlüsselqualifikation jeden professio- nellen Handelns, des Wissens und der Wissensbildung, der Haltung und des sozialpäd­ agogischen Könnens. Sozialpädagogisch fundiertes Gender-Wissen schließt direkt an sozialpädagogi- sche Kasuistik an und umfasst dabei das Verstehen und Bewerten von Wissensbeständen als Wissen über die komplexen Strukturen der Geschlechter- verhältnisse und ihrer sozialen Konstruktionen in grundlegenden Gedanken, Theorien und For- schungsergebnissen sowie Wissen über Ziele, Ideen, Diskurse, Handlungsansätze der Frauen- und Männerbewegung und reflektiert, wie diese sich in der Sozialpädagogik verstehen. Die sozialpädagogisch professionelle Haltung, Ein- stellung und das Bewusstsein umfasst das Erkennen des eigenen geschlechterbezogenen Gewordenseins als biografische Auseinandersetzung mit der eige- nen Geschlechterrolle und Reflexion derselben auf dem Hintergrund des Geschlechterverhältnisses der jeweiligen Kultur – der eigenen Arbeit. Auch die Arbeitszusammenhänge mit Organisationen, Projekten und Netzwerken sind kontinuierlich aus der Gender-Perspektive zu betrachten und zu re- flektieren, um Einsichten in die Veränderbarkeit und Gestaltbarkeit der Geschlechterverhältnisse zu gewinnen und den Willen und die Bereitschaft entwickeln zu können, dies im Arbeitsalltag der Sozialpädagogik auf jeder Ebene zu realisieren. So- zialpädagogisches Können umfasst dann diese Ver- wirklichung in der Praxis, Gender-Sensibilität und Gender-Gerechtigkeit in der Zusammenarbeit im beruflichen Alltag zu praktizieren und auf dieser Basis handeln zu können, z. B. in der Leitung, in Teams, in Projekten und Netzwerken. Auch viele sozialpädagogische Arbeitsformen sind so genderspezifisch differenzierbar, indem z.B. Ge-

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