Handbuch 5. Auflage

548 Karsten  schlechterdifferenzen erfasst werden, in geschlech- tersensiblen Problemanalysen zum Erziehungs­ verhalten von Müttern und Vätern, in der Schuldnerberatung, in der Erstellung von Berichten und Stellungnahmen sowie in der Sozial- und Kin- der- und Jugendberichterstattung. Dadurch können auch bisherige Lücken in den vorliegenden Erkennt- nissen, Studien und Programmen benannt werden. Ein weiteres großes Feld stellt die Mittelvergabe dar, in der Empfänger unter Geschlechterperspektive ge- prüft werden, die Geschlechterparität in der inneren Struktur aufgewiesen wird oder – in der institutio- nellen Förderung – Geschlechtersensibilität in der Aufgabenerfüllung herangezogen wird. Auch die Formulierung entsprechender Kriterien in der Aus- schreibung vonWettbewerben und die Bevorzugung geschlechtersensibler Akteure und Akteurinnen bei Bewerbungen ist Teil dieses Feldes. Bei der Einrichtung und Berufung von Kommis- sionen geht es um geschlechterparitätische Beset- zung und darum, Genderexpert(inn)en hinzuzie- hen. Bei der Gestaltung von Veranstaltungen werden geschlechtersensible Themenstellungen, die Geschlechterparität von Referent(inn)en und Teilnehmer(inne)n gewahrt sowie geschlechter- sensible Evaluationen durchgeführt. Besonders in der Öffentlichkeitsarbeit geht es um geschlechter- sensiblen Sprachgebrauch, mit dem nichttraditio- nelle Rollenbilder ebenso wie traditionell weibli- che Lebensumstände sichtbar gemacht und geschlechtersensible Zielgruppenanalysen prakti- ziert werden. Diese Arbeitsformen verbinden sich so zu einer Strategie mit dem Ziel der Realisie- rung von Chancengleichheit für die Geschlechter in allen politischen, administrativen und gesell- schaftlichen Prozessen des sozialpädagogischen Bereichs. Chancengleichheit gilt für alle politisch handelnden Institutionen, also auch für öffent- liche und freie Träger der Wohlfahrtspflege. Ziel ist es für die Sozialpädagogik, nach innen und nach außen gerichtete Prozesse daraufhin zu ana- lysieren, wie Mädchen und Jungen bzw. Männer und Frauen, Sozialpädagoginnen und Sozialpädago- gen an diesen Prozessen beteiligt und davon betrof- fen sind und diese Prozesse umzugestalten. Gender- Mainstreaming besteht damit in der Reorganisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluation von Entscheidungsprozessen in allen Politikbereichen und Arbeitsbereichen jeder sozialpädagogischen Organisation. Das Ziel von Gender-Mainstreaming ist es weiter- hin, in alle Entscheidungsprozesse – auch unter Einbeziehung von Adressatinnen und Adressa- ten – die Perspektive der Geschlechterverhältnisse einzubeziehen und alle Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar zu machen. Aufgrund der doppelten sozialen Konstruktion und Konstitution der Sozialpädagogik als Interak- tions- und Arbeits-, bzw. Berufsfeld professioneller sozialpädagogischer Arbeit sind die Gender-Ana- lysen gleichzeitig im Rahmen von Bildungsgang-, Berufs-, und Berufsbildungsbiografie- und Arbeits- marktforschung zu sozialen Berufen auszuarbeiten und in ihren Befunden und Ergebnissen zur Wei- terentwicklung von Qualität und angemessenerer gesellschaftlicher Anerkennung zu argumentieren. Dies schließt auch die Bereiche der Tarifwerke für den Sozial- und Erziehungsdienst und Akkreditie- rungen als besondere Ausgestaltung gesellschaftli- cher Definitionsverhältnisse (1988) als Anerken- nungsverhältnisse mit ein. Definitionsverhältnisse ihrerseits prägen sich, auch in der Sozialpädagogik, dagegen häufig als „doing gender“, offen oder unbewusst-verborgen aus. Dies gilt gleichermaßen in der Theoriebildung, in wei- ten Teilen der Empirie, z. B. in der Kinder- und Jugend-, in der Sozialberichterstattung bis in die Armuts- und Reichtumsberichte hinein, sodass eine Verallgemeinerung von Gender-doing-Pro- zessen in das alltägliche sozialpädagogische Denken und Handeln, sogar bis in die Forschung derzeit immer neu stattfindet. Dies muss als Herausforde- rung neuer Gender-Realisierungsstrategien, die auch Kontrolle und fortgesetzte kritische Beobach- tung umfassen, beschrieben werden. Rekonstruktion und Reflexion des „doing gender“ in der Sozialpädagogik Für den Prozess der sozialen Konstruktion von Ge- schlechtlichkeit hat die Geschlechterforschung den Begriff „doing gender“ formuliert. Der Begriff „doing gender“ bringt die Prozesshaftigkeit der Vorgänge zum Ausdruck: Die soziale Konstruktion von Geschlecht wird nicht nur einmal vollzogen, sondern sie wiederholt sich tagtäglich neu. So wer- den in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie z. B. in den Medien, im Erziehungssystem, der

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