Handbuch 5. Auflage
Gender-Mainstreaming in der Sozialpädagogik 549 (Sozial-)Politik, der Wirtschaft etc. Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit (vor-)gelebt, die Bedeutungen von Geschlechtsidentität symbolisie- ren und an Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer herangetragen werden. Um Ge- schlechtsidentität zu entwickeln, sind Kinder und Jugendliche, Mädchen und Jungen darauf ange- wiesen zu lernen, wie sie Geschlechtsidentität ge- stalten können und welche Rollen sie damit ein- nehmen können. Finden diese Prozesse verkürzt, unreflektiert und vor allem ohne Bezug zu anderen Bildungsinhalten statt, entstehen daraus Kon- strukte, die vorgeben, dass sich Frauen und Män- ner für bestimmte Rollen und Denkweisen „eig- nen“ würden. Das Geschlecht wird so den Menschen immer neu attribuiert, wie dies auch die langjährige und mehr oder weniger offen geführte Diskussion um das „weibliche Arbeitsvermögen“, das sozialisatorisch eingelebt werde und ganz we- sentlich sozialpädagogische Berufs(ausbildungs-) wahlen fundiere, zeigt. Es werden dabei nicht nur die attraktiven Attribute des eigenen Geschlechts übernommen, sondern gleichfalls jedes problematische Bild des anderen Geschlechts wird mitprojektiert, weil immer beide Geschlechterrollen angezeigt werden. Für Mädchen und Jungen, Frauen und Männer bedeutet „doing gender“ einen doppelten Prozess: Zum einen wird Geschlechtsidentität durch Wahr- nehmung der Rollenzuweisungen konstruiert. Zum anderen wird die erworbene Geschlechts identität durch ständiges Reproduzieren der damit verbundenen Attribute aufrechterhalten, bekräf- tigt, verfestigt und nach außen hin dargestellt. Bil- dung hat in diesem Zusammenhang die wichtige Bedeutung, sich dieser Prozesse bewusst zu sein und einen (selbst-)reflexiven und kritischen Um- gang mit der Konstruktion von Geschlechtermerk- malen zu entwickeln. Dies gilt für jede Präventions-, Interventions- und Hilfeform in der Sozialpädagogik in besonderer Weise, weil in ihrer ko-konstruktiven Grundfigur des Agierens in den personenbezogenen sozialen Dienstleistungen soziale und Gender-Gerechtig- keit oder eben Ungerechtigkeiten ganz praktisch werden und das Handeln leiten. Deswegen gilt es durchgängig, sich mit den „doing gender“-Prozessen in der Sozialpädagogik reflexiv und kritisch auseinandersetzen zu können, die von der eigenen Person ebenso ausgehen wie von Struk- turen, z. B. Raum und Zeit. Gerade für Personen, die direkt mit Mädchen und Jungen arbeiten, wie die Erzieher(innen), Pädagog(inn)en, Kinderpfle- ger(innen), Sozialpädagog(inn)en und Lehrer(in- nen), ist ein Bewusstsein dieser Prozesse hilfreich, um die eigene Praxis reflektieren zu können. So werden Kinder und Jugendliche ebenso wie er- wachsene oder alte Adressatinnen und Adressaten sozialpädagogischer Arbeit dann nicht durch ein- schränkende „doing gender“-Prozesse an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert, sondern diese Entwicklungen werden positiv ausgestaltet. Dies wird somit zu einer auf Fachwissen basieren- den Bewusstseinsbildung. Gerade die nicht so of- fensichtlichen Mechanismen der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlechtlichkeit und deren Folgen gilt es weiter zu erforschen und kenntlich zu machen. Die Einschränkungen, die ansonsten daraus für beide Geschlechter entstehen können, sind deutlich zu machen und kontinuierlich zu be- arbeiten. Da trotz aller vermehrten Anstrengungen seit den 1990er Jahren die gesellschaftlichen (Un-)Gleich- heitsmechanismen sich doch immer wieder neu re- produzieren, ist hier eine fachlich-professionelle Kontrolle durchaus vonnöten und auch für das ge- samte sozialpädagogische Berufsfeld – einschließ- lich der Sozialmanagementebenen – auszuarbei- ten. Gender-Kontrollstrategien: das Beispiel Schweden – auch ein Beispiel für die Sozialpädagogik In Schweden wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts erkannt, dass Gender-Mainstreaming und wie Gen- der-Mainstreaming immer neue Gegenstrategien im Gender-doing und durch Gender-doing hervor- treibt, wenn auf den guten Willen aller Beteiligten vertraut wird, ohne die Einhaltung und Realisierung dieser Politikstrategie konsequent zu begleiten und öffentlich zu kontrollieren (Stark 2002). Gleichzeitig lässt sich an diesem Beispiel lernen, wie solche Kontrollstrategien in innovatives Han- deln eingebunden werden können: Schwedische Kommunen haben zur Verwirklichung des Gen- der-Mainstreaming die 5-R-Methode entwickelt. Die Methode wird derzeit europaweit verbreitet und hätte gute Chancen, auch in der Sozialpädago-
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