Handbuch 5. Auflage
552 Genderpolitik Von Maria Bitzan Das Stichwort „Genderpolitik“ in einem Hand- buch zur Sozialen Arbeit fokussiert die Fragen, wie Geschlechteraspekte in Theorie und Praxis der So- zialen Arbeit beachtet werden und unter welchen Prämissen die Akteurinnen und Akteure wohin mit ihren Aktivitäten zielen. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die Praxis. Er greift die fe- ministische Arbeit mit Frauen und Mädchen auf, verfolgt die Verallgemeinerung von „Gender“ und bezieht sich sowohl auf die gendergerechte Qualifi- zierung der Konzepte der Sozialen Arbeit wie auf die genderbezogenen Faktoren der politisch-gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen, in denen So- ziale Arbeit operiert. Diese Anliegen können nur im Kontext der Praxis der Projekte der „neuen Frauenbewegung“ ab den 1970er Jahren bearbeitet werden, die die Soziale Arbeit und den Bildungsbereich nachhaltig beein- flussten. Allerdings: Das in Zeiten etablierter Gen- derforschung an den Hochschulen und For- schungsinstituten und einer politischen Präsenz von „Gender Mainstreaming“ scheinbare Selbst- verständnis der Relevanz der Kategorie „Ge- schlecht“ für die Soziale Arbeit steht keineswegs einer etablierten Berücksichtigung im Fach gegen- über. Demzufolge beinhaltet „Genderpolitik“ im Sinne einer aktiven Einbringung von Gender-Stra- tegien einen kritischen Gehalt. Dabei hat Soziale Arbeit schon immer einen spe- zifischen Bezug auf „Geschlecht“: Indem sie auf das alltägliche Leben bezogen ist, reagiert sie häu- fig auf Lebenszusammenhänge und Krisen, die sich in den ganz konkreten Folgen geschlechter- bezogener Regelungen und (ungekonnter) Um- gangsformen zeigen. Viele der „klassischen“ Pro- bleme im Zusammenleben sind eng verknüpft mit der Geschlechterdimension, aus der die häus- liche Arbeitsteilung sowie die Zuschreibungen und Erwartungen an „Mann“ und „Frau“ resultie- ren und „Erziehung“ und „Bildung“ sind die Ver- gesellschaftungsbereiche, in denen „Geschlecht“ subjektiv gelernt und geformt wird. Soziale Arbeit ist zudem ein „weiblicher“ Beruf – als die ver- beruflichte Form der gesellschaftlich minderbe- werteten Care-Tätigkeit ist er einerseits als ein genderpolitisches Ergebnis der ersten Frauenbe- wegung anzuerkennen, andererseits setzt er genau die Tradition der geschlechtshierarchischen Be- wertungen fort – der genderpolitische Ertrag bleibt ambivalent. Feministische Initiativen – als erste Form emanzi- patorischer Genderpolitik – begriffen sich primär als konkrete Kritik an der bisherigen Jugend- und Sozialhilfe, die in ihren Problembestimmungen traditionelle Blickwinkel auf die Geschlechter an- legte und letztendlich blind war gegenüber den Auswirkungen der Geschlechterhierarchie auf Le- bens-, Berufs- und Konfliktlagen von Frauen und Mädchen. Im Kontext der historisch-konkreten politischen, theoretischen, auch internationalen Denkbewegungen wie auch aus den gesellschaftli- chen Veränderungen der Lebenslagen (durch sozial politische Initiativen, normative Verschiebungen, Impulse sozialer Bewegungen,…) bildeten sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Themenkonjunk- turen heraus. Eine häufig gewählte systematisie- rende Form der Darstellung dieser Themenkon- junkturen und ihrer politischen Strategien in historische Phasen kann jedoch der Gleichzeitig- keit unterschiedlicher Politiken sowie den Deu- tungskämpfen und der Vielfalt der jeweils fokus- sierten Perspektiven schwerlich gerecht werden. „Genderpolitik“ bewegt sich immer im Spannungs- feld dieser unterschiedlichen Fokussierungen. Im Folgenden wird das Thema des Beitrags einge- grenzt. Erstens werden einige Voraussetzungen geklärt, unter denen hier „Genderpolitik“ in Bezug auf die fachliche Dimension der Profession themati- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art052, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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