Handbuch 5. Auflage
Genderpolitik 553 siert wird. Zweitens werden einige Marksteine gen- derpolitischer Praxis in ihrer fachlich-politischen Aktualität und Ambivalenz charakterisiert. Drittens werden die (meist fehlende) Bezugnahme von Gen- derpolitik und Fachdiskurs und einige Anschluss- punkte in Mainstream-Konzepten angesprochen. Im vierten Abschnitt richtet sich der Blick in kurzen Andeutungen auf die „Geschlechterpolitik“ des neo- liberalen Paradigmas und seiner Implikationen für die Soziale Arbeit. Der ausblickende fünfte Schritt deutet die Verortung genderpolitischer Ansätze in kritischer diversitätsbewusster Sozialer Arbeit an. Voraussetzungen A. „Gender Politik “ meint hier nicht i. e. S. Geset- zespolitik, sondern – gemäß der in der US-ame- rikanischen Politikwissenschaft üblichen Unter- scheidung zwischen „Policy“ und „Politics“ – sowohl die Strategien und Bemühungen kritischer Akteu- rInnen als auch die Auswirkungen staatlicher Maß- nahmen und Interpretationen auf das Geschlech- terverhältnis und damit die Gesamtheit des politischen Themenfeldes (Policy). Genderpolitik in der Sozialen Arbeit war (und ist) zu wesentli- chen Teilen eine Frauen- und Mädchenpolitik, ohne deren Kämpfe, Themen und Praktiken auch die verallgemeinerte genderreflexive Praxis sowie die Jungen- und Männerarbeitsansätze nicht denkbar wären. Basis der Bemühungen ist ein je unterschiedlich ausgelegtes feministisches Selbst- verständnis. Schon der 2. Internationale und Interdisziplinäre Frauenkongress 1984 in Gronin- gen betonte den allgemein gesellschaftskritischen Charakter von Feminismus, der nicht nur die Ver- besserung der Situation von Frauen, sondern die Beseitigung aller Formen von Ungleichheit, Herr- schaft und Unterdrückung anzielt. B. Der Begriff „Gender“ verweist auf inhaltliche Bedeutungsverschiebungen: Wurde anfangs „Ge- schlecht“ als eine gegebene Voraussetzung interpre- tiert, die eine Politik des Kampfes um Teilhabe (Gleichheit) und Anerkennung (Differenz) nach sich zog, stellt der seit den 1990er Jahren einge- führte Begriff „Gender“ eher eine Analysekategorie des sozial hergestellten Geschlechts als Folge einer gesellschaftlichen Ungleichheitsordnung dar. Die damit einhergehende Erkenntnis des performati- ven Charakters von „Geschlecht“ ( Doing Gender ) evozierte Bildungsbemühungen zur (Selbst)Auf- klärung und Anstrengungen, die Voraussetzungen zu erkennen und zu bekämpfen ( Dekonstruktion ). Neueste Genderpolitiken betonen Differenzie- rungen und Interdependenzen unterschiedlichster Benachteiligungs- und Formierungsdimensionen (Intersektionalität) ( → Maurer /May, Gender, Gen derforschung). C. Genderpolitik in der Sozialen Arbeit kann an dem bekannten Strukturdreieck: Disziplin – Profes- sion – AdressatInnen aufgezeigt werden. Hinsichtlich der Dimension AdressatInnen richtet sie sich an die allgemeine Gesellschaftspolitik, die entscheidenden strukturellen Einfluss auf Lebenslagen hat durch Rechte, gesetzliche Grundlagen zum Schutz und zur Teilhabe (Beispiele: Wahlrecht, Gewaltschutz- gesetz, Anerkennung von geschlechtsspezifischen Fluchtgründen, familienpolitische Maßnahmen usw.). Soziale Arbeit befördert Unterstützungs-, Hilfs- und Bildungsangebote mit geschlechterrefle- xivem Inhalt und tritt selbst als gesellschaftspoliti- scher Akteur auf. Gleichzeitig geht es in den Ange- boten um Sensibilisierung für geschlechterbezogene Erfahrungskontexte und Doing-Gender-Prozesse. In der Dimension „Profession“ geht es um die An- erkennung geschlechterreflexiver Ansätze (und de- ren ProtagonistInnen), darum, wie Genderperspek- tiven in professionelle Konzepte hineinkommen, und darum, wie vorhandene Konzepte in Bezug auf Geschlecht wirken. Bedeutsam sind hier auch geschlechtsbezogene Vorgaben in der Organi sationspolitik, der Personalentwicklung und Ressourcenverteilung, die den genderpolitischen Möglichkeitsrahmen bestimmen ( → Karsten, Gen- der-Mainstreaming in der Sozialpädagogik). In der Dimension der „Disziplin“ werden Querverbindun- gen zentraler Theorien und Diskurskulturen aus der Genderforschung und der Sozialen Arbeit gesucht. Jeweils aktuelle Strömungen der Fachentwicklung bieten unterschiedlichste „Einfallstore“ für gender- politische Bemühungen, bzw. kanalisieren diese in spezifischer Weise. Die Praxis hat in ihren genderpolitischen Bestrebun- gen immer Doppeltes zu leisten: Sensibilisierung für die Relevanz von Gender („Dramatisierung“) durch Analysen von (Problem-)Deutungen und Interven- tionen und durch die Entwicklung geschlechtsbe zogener Interventionsformen sowie die Auflösung vergeschlechtlichender Strukturen, die Öffnung für Vielfalt und Differenz („Entdramatisierung“).
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=