Handbuch 5. Auflage
554 Bitzan Marksteine genderpolitischer Praxis Die Politisierung von Ungleichheit und damit ein- hergehender Ungerechtigkeit durch soziale Bewe- gungen vollzieht sich in Wellen (Maurer 1996). Einer Phase der Skandalisierung folgt die Akzep- tanz des Themas (oder sein Verschwinden) und ggf. die Etablierung veränderter Angebote. Eine erfolgte Normalisierung neigt sodann zu Stagna- tion und Dethematisierung. Gemäß diesen Wellen von Differenz und Normalisierung ist in der Ge- schichte der Sozialen Arbeit geschlechtsbezogene Ungleichheit unterschiedlich im Fokus gewesen. Es gibt keine einheitlichen Formen, Motive und Strategien genderpolitscher Initiativen, vielmehr können an den jeweiligen Debattenschwerpunkten und politischen Kampfthemen unterschiedliche Facetten genderpolitischer Entwürfe abgelesen werden. Dabei lassen sich Kontroversen immer auch als Indikatoren für neue Erkenntnisse und Weiterentwicklungen verstehen. „Genderpolitik“ kann also nur dargestellt werden als Aufzeigen verschiedener Thematisierungspraxen in je konkreten historischen Konstellationen. Die Akteurinnen – zunächst aus den Reihen der Frau- enbewegung – thematisierten die Lebenssituation von Frauen und Mädchen, gleichwohl sie diese als Variable einer allgemeinen Geschlechterordnung erkannten. Eine verallgemeinerte Sichtweise auf die Begren- zung beider Geschlechter durch einseitige Ge- schlechterkonstruktionen in den sozialen Struk turen prägt den derzeitigen genderpolitischen Diskurs. Dieser bewegt sich zwischen einerseits zu- nehmenden theoretischen Infragestellungen von – vermeintlichen – Eindeutigkeiten und andererseits konkreten Praxisnotwendigkeiten, die gegenüber kommunalen und überregionalen Politikkonstella- tionen klare Positionierungen und Zielformulie- rungen erfordern. Für die Genderpolitik in der Sozialen Arbeit können diese Dynamiken an Widersprüchlichkeiten bei zentralen Bereichen ( Marksteinen ) der Entwicklung geschlechterbe- wusster Sozialer Arbeit verdeutlicht werden (für das Folgende siehe ausführlicher Bitzan 2005): A. Die Geschlechterfrage war fast ein Jahrhundert lang ein weibliches Thema. Frauen reflektierten ihre sog. privaten Lebensverhältnisse, entdeckten ge- meinsame Betroffenheiten und forderten mehr Rechte und Anerkennung ein. In der ersten (bürger- lichen) Frauenbewegung ging es vor allem um die Anerkennung der gesellschaftlichen Bedeutung von Frauen (Berufstätigkeit und Wahlrecht) mit der Be- tonung der weiblichen Werte und Fähigkeiten, die der Gesellschaft mehr zugute kommen sollten. Die sozialistische Frauenbewegung betonte hingegen den Anspruch auf Teilhabe an (gesellschaftlichen) Entscheidungen und Gütern. Die zweite Frauenbe- wegung (oder besser -bewegungen) ab den 1970er Jahren begannen, Übergriffe und selbstverständli- ches Stillschweigen zu skandalisieren. Es ging darum, eigene Erlebens- und Verarbeitungsweisen wahr- zunehmen, deren Berechtigung vor sich und ande- ren einzufordern und Erfahrungen von Zurichtun- gen, Begrenzungen und Gewalt zu erkennen, zu veröffentlichen und zu skandalisieren. In der daraus folgenden feministischen Sozialen Arbeit wurden die Ziele einer persönlichen Emanzipation von Be- vormundungen und Fremddeutungen verfolgt, was sich auch in ihrer Organisation als eigenständiger Arbeitsansatz niederschlug: Selbstorganisation, Selbstvertretung, und die Gründung selbstverwalte- ter, von Trägern unabhängige (autonome) Projekte prägten den Aufbruch der 1980er Jahre. Die so ent- standenen Bildungs-, Schutz- und Hilfsprojekte, die sich zunächst in Opposition zur institutionalisierten Sozialarbeit verstanden, wurden nach und nach un- ter dieser subsumiert bzw. ordneten sich ihr zu, um Finanzierungswege zu öffnen und eine Professionali- sierung der Arbeit einzuleiten, deren Notwendigkeit zunächst aus dem Selbstverständnis der politischen Aktion heraus abgelehnt, später aber durch die In- tensität der Bedarfe dringend wurde. Dabei entwickelten sich die bekannten Prinzipien feministischer Sozialarbeit (Parteilichkeit, Räume für Frauen/Mädchen, an den Stärken ansetzen, ge- schlechtshomogene Bezugspersonen und geschützte Räume). Ihre Zielsetzungen wurden von manchen Strömungen mit „Differenz“ (das Andere anerken- nen), von anderen mit „Gleichheit“ (gleiche Rechte und Teilhabe) begründet. Jüngere Begründungen blicken weniger auf das, was „herauskommen“ soll, sondern mehr auf die Prozesse, wie es dazu kommt. Eine Praxispolitik kommt nicht umhin, alle drei Richtungen gleichzeitig im Blick zu behalten und strategisch unterschiedlich einzusetzen – befindet sie sich doch in der Realität der gesellschaftlichen Ge- schlechterhierarchie, die diskriminiert (Aktionsrich- tung: Gleichheit), übergeht und männlich verall- gemeinert (Aktionsrichtung: Differenz) und immer
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