Handbuch 5. Auflage
Genderpolitik 555 wieder neu festschreibt und Geschlechtertexte per- petuiert (Aktionsrichtung: Dekonstruktion). Die Begrenztheiten der jeweiligen Strategien waren und sind häufig der Stoff von Auseinandersetzungen und Suchbewegungen. Beispiele sollen diese inneren Suchbewegungen zwischen Politik, Fortschritt, Wi- dersprüchen und Entwicklungsbedarfen kurz ver- deutlichen: Frauenberuf ■ ■ : Als Erbe der historischen Entstehung durch die erste Frauenbewegung wurde einerseits eine Professionalisierung (Verberuflichung weibli- cher Tätigkeiten als gesellschaftlicher Statusge- winn von Frauen und von Sorgetätigkeit) und an- dererseits eine Verweiblichung der Profession (Festschreibung als Frauenberuf, dadurch Status- verlust) vorangetrieben. Es gelang bisher nicht, die (neuerdings wieder zunehmende) geschlechtsspe- zifische Arbeitsteilung strukturell zu durchbrechen. Mit der Gründung der sozialen Frauenschulen ver- festigte sich historisch zudem die nichtakademi- sche Ausbildung, die zwar einerseits vielen Frauen Zugangsmöglichkeiten zu diesem Berufsfeld eröff- nete, andererseits die gesellschaftliche Abwertung und mindere Bezahlung nach sich zog. Dem ver- suchen aktuelle Strategien zur Akademisierung, die mit den Fachhochschulen für Soziale Arbeit ein- geleitet wurde, entgegenzuwirken, und sind dabei bemüht, mehr Männer für die Ausbildungen zu ge- winnen. Die hiermit verbundene Dynamik steht noch in den Anfängen der Reflexion. Gewalt gegen Frauen und Frauenhausbewegung ■ ■ : Mit der Frauenbewegung wurde zum ersten Mal Gewalt in einem engen Zusammenhang von Ge- schlecht und damit als in den Bildern von Männ- lichkeit und Weiblichkeit tief verwurzeltes gesell- schaftliches Verhältnis von Hierarchie thematisiert. Die „Normalität“ des Vorkommens von Gewalt macht es für Frauen und Mädchen uneindeutig, welches Recht andere auf sie und ihren Körper ha- ben. Die Verfügung über den weiblichen Körper entpuppte sich als zentrales Element patriarchaler Dominanz und damit als Schlüsselthema. Feminis- tinnen entwickelten konkrete Möglichkeiten des Schutzes und der Hilfe für betroffene Frauen und Mädchen – in Notrufeinrichtungen, Beratungsstel- len, Mädchenhäusern und Frauenhäusern . So sehr diese Einrichtungen die betroffenen Frauen als Op- fer von Gewalt ansprachen, so sehr ging – und geht – es ihnen darum, sie nicht als „Problem- fälle“ zu behandeln, sondern das Problem auf Sei- ten der patriarchalen Gesellschaft zu verorten und mit den Frauen gleichberechtigt-solidarisch nach Lösungen für ihre Situation zu suchen. Die Projekte haben erreicht, dass mittlerweile die Notwendig- keit von Hilfe und Unterstützung für die wesentli- chen Gewaltvorkommnisse – Vergewaltigung, Ge- walt in der Ehe,sexuellerMissbrauch,Frauenhandel, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – von einer breiten Öffentlichkeit akzeptiert wird. Allerdings bleibt – als inhärenter Widerspruch – festzustel- len, dass die zunehmende „Versozialpädagogisie- rung“ die Skandalisierung des Vorkommens von Gewalt in eine fachliche Debatte über die Finanzie- rung ablenkt. Ob die Projekte also ihrem politi- schen Ziel, die tatsächliche Verminderung der Häu- figkeit und Selbstverständlichkeit männlicher Gewalt gegen Frauen, näher gekommen sind, er- scheint zumindest fragwürdig. Mit der neolibera- len Individualisierungspolitik kann die Verantwor- tung wieder auf die Betroffenen zurückfallen: Nutzen sie die Einrichtungen nicht, sind sie eben selbst schuld. In den Einrichtungen selbst mussten die Protagonistinnen zur Kenntnis nehmen, dass die Idee der Selbsthilfe die Betroffenen tendenziell überfordert und Betreuungsstrukturen nicht ver- meidbar erscheinen. Beides sind Punkte, die auch eine interne kritische Diskussion zur Frauenhaus- projektbewegung in Gang gesetzt haben (Hage- mann-White 1997). Der jüngste „Paradigmen- wechsel“ in diesem Bereich forciert einerseits die öffentliche Verantwortung (Gewaltschutzgesetz) und die Arbeit mit Tätern, andererseits wird zuneh- mend von „häuslicher Gewalt“ gesprochen – ein Begriff, der den Zusammenhang zum Geschlech- terverhältnis verschleiert, die Täterseite offen lässt und wieder stärker die angebliche Privatheit dieses Problems suggeriert. Mädchenförderung/Mädchenarbeit ■ ■ : Eine kritische Analyse der vorhandenen Jugendarbeit zeigte zu Anfang der 1980er Jahre, dass hier Mädchen unter einer männlich konnotierten Jugend subsumiert und die spezifischen Hürden, die ihnen in den Weg gelegt werden, sowie ihre daraus resultierenden Bewältigungsaufgaben ignoriert wurden und sie mit Erfahrungen von psychischen und körperlichen Übergriffen allein gelassen und ihnen nicht ge- glaubt wurde (stellvertretend für viele Untersuchun- gen vgl. Bundesregierung 1984). Die genderpoliti- sche Konsequenz: Feministische Pädagoginnen
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