Handbuch 5. Auflage
556 Bitzan zogen aus der allgemeinen Jugendarbeit aus. In au- tonomen Mädchentreffs, Mädchencafés und Mäd- chenwohngruppen konnten mädchenparteiliche, Mädchen Anerkennung und Freiraum gebende Ar- beitsansätze verwirklicht werden (Bitzan / Daigler 2001). Inzwischen ist vieles im Mainstream der Ju- gendarbeit und entsprechenden Förderprogram- men angekommen. Dennoch gelang es der partei- lichen Mädchenarbeit in der Öffentlichkeit meistens nicht, ihre Begründungen aus der Benachteiligungs- rethorik herauszulösen. Darum musste sich die Mädchenarbeit auch mit demVorwurf auseinander- setzen, die Mädchen zu stigmatisieren und sie noch mehr auf ihr Geschlecht festzulegen. Gleichzeitig müssen in jüngerer Zeit die Protagonistinnen zur Kenntnis nehmen, dass die Dialektik von verall- gemeinertem Geschlechterbezug (Ansprache als Mädchen) und besonderem Individualbezug schwer vermittelbar ist und Mädchen sich gegen die Be- sonderung wehren. Lange ging die Mädchenarbeit zu undifferenziert mit der verallgemeinerten Kate- gorie um, ohne Öffnungen zur Koedukation koope- rativ zu reflektieren. Die sehr differenzierte vielsei- tige Praxis ist – immer noch – von Polarisierungen (Differenz oder Gleichheit, gar keine geschlechter- bezogene Ansprache oder nur dies…) überlagert. Frauenbildung, Frauenberatung, Gemeinwesen- ■ ■ arbeit : In allen praktischen Ansätzen der Hilfe für Frauen wurden die immensen Wirkungen des herr- schenden Weiblichkeitsbildes sichtbar, das Frauen Selbstlosigkeit als zentrale Haltung lehrt. Eine Fülle von allgemeinbildenden und beruflichen Projekten für Frauen und für Mädchen versuchte, über Selbst- erfahrung kollektive Erkenntnisse und neue ge- meinsame Erfahrungen zu ermöglichen, indem sie die Themen der teilnehmenden Frauen zum Aus- gangspunkt nahmen. Die Kehrseite der gesell- schaftlichen Anerkennung von Frauenbildungs- arbeit zeigt sich in Vereinnahmungen durch die Mainstream-Politik, die auf diese Weise gesell- schaftliche Strukturprobleme zu einem Problem von Frauen erklärt und ihre Lösung zu einer individuel- len Bildungsaufgabe macht (z.B. werden Frauen darin fortgebildet, wie sie Familienarbeit und Be- rufstätigkeit vereinbaren können.) An diesen beispielhaft gezeigten Schlüsselbereichen feministischer Sozialarbeit zeigt sich ein grund- sätzliches Dilemma: indem bisher verdeckte The- men aufgegriffen und in gesonderten Arbeitsfor- men bearbeitet werden, wird den Protagonistinnen Sektierertum unterstellt. Gelingt es, Einzug in die professionelle Sozialarbeit zu erlangen, laufen die Themen Gefahr, von ihrer gesellschaftlichen Ver- ursachung abgekoppelt, entpolitisiert und zu einem sozialpädagogischen Bedarf umgeformt zu werden. So hat die gesellschaftliche Skandalisierung – ent- gegen den Intentionen – dazu geführt, dass die Thematisierung von Geschlechterfragen in der Öffentlichkeit nicht selten auf einen Diskurs ver- engt wurde, der Frauen vorrangig als Opfer patriar- chaler Gewalt definiert. Zu Recht wehren sich viele Frauen und Mädchen gegen potenzielle Opferkate- gorisierungen (vgl. Thürmer-Rohr 2004), schrei- ben diese Deutungen aber den Projekten (statt dem Diskurs) zu, die sie dementsprechend für überholt erklären – die Strukturmuster der Geschlechter- ordnung werden erneut verdeckt. Die Frauen- und Mädchenarbeit darf sich nicht von der Thematisie- rung des gesellschaftlichen Zusammenhangs und dem Ziel einer anderen gesellschaftlichen Struktur entkoppeln, um Ungleichheiten zu skandalisieren und nicht die Benachteiligten zu pädagogisieren. Dann können auch Verstrickungen („Mittäter- schaft“) und Verschränkungen verschiedener Hie- rarchieverhältnisse („Dominanzkultur“) aufgenom- men werden. B. Mit der Verallgemeinerung und Verbreitung des „Gender“-Begriffs erweiterte sich das genderpoliti- sche Handlungsfeld in der Sozialen Arbeit um die geschlechterbewusste Arbeit mit Jungen und Männern . Sie stützt sich auf die Erfahrung, dass männliche Lebensrealitäten und tradierte Männlichkeitsbilder zunehmend auseinanderklaffen. Ihr schwieriges Ver- hältnis zur feministischen Praxis zeigt zum einen Konflikte um die politische Interpretation des Ge- schlechterverhältnisses auf, zum anderen zeigt sie eine durch die Staatspolitik (Finanzierungsmodi) und den Mainstream aufgedrängte Konkurrenz an. „Politische“, „antisexistische“, manchmal auch „pro- feministische“ Jungenarbeitsansätze suchen ebenso wie die „identitätsstärkende“ pädagogische Arbeit die Kooperation mit der Mädchenarbeit, andere An- sätze stehen der Männerrechtsbewegung nahe und thematisieren einen männlichen Opferstatus, teil- weise mit antifeministischem Impetus, und realisie- ren somit eine reaktionäre genderpolitische Variante. So sind vorfindbare Diagnosen zur gesellschaftlichen Situation von Jungen und Männern „nicht um- standslos von ideologischen Geschlechterpositionen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=