Handbuch 5. Auflage

Genderpolitik  557 zu trennen“ (Forster 2004, 486). Kritische Jungen- und Männerarbeit will Jungen unterstützen und versteht sich als Männlichkeitskritik im Sinn von Herrschaftskritik – als offenes Projekt, an demMän- ner und Frauen mitwirken können. C. Schon frühe Forderungen und Anstrengungen, eine geschlechterbewusste Arbeit nicht nur als Ziel- gruppenarbeit mit Frauen oder Mädchen zu verste- hen, sondern generell ein Konzept der „Geschlech- terdifferenzierung“ bzw. der Geschlechterreflexivität als durchgängiges Prinzip zu etablieren, blieben so lange vereinzelt, bis „Gender“ nicht zuletzt durch die politische Strategie des Gender Mainstreaming auch in der praktischen Politik ankam. In der Praxis der Sozialen Arbeit gehören eine ein- zulösende Gender-Kompetenz und geschlechter­ reflexive Konzeptionen nun zum (selten wirklich eingelösten) Standard. Weiterentwicklungen bei- spielsweise in der offenen Jugendarbeit formulieren Standards „geschlechtergerechter“ Konzepte, die die separaten Formen einer parteilichen Mädchen- arbeit und einer gesonderten Jungenarbeit über- schreiten und auf kommunaler Ebene an Gesamt- konzepten arbeiten (vgl. z. B. die empirische Erhebung von Kunert-Zier 2005). Feministische Mädchenarbeit hatte schon in den 1990er Jahren erkannt, dass ein mädchenpolitisches Einmischen die praktische Arbeit flankieren muss, wenn sie die Grundstruktur der Jugendhilfe verändern will. Mit der Einflussnahme auf die seit 1991 gesetzlich vor- geschriebene Jugendhilfeplanung entwickelte sie passende Aktionsformen und Beteiligungswege (Bitzan 2002). Aktuell schließen sich Mädchen- arbeitskreise und Jungenarbeitskreise als gender- politische Gremien vielerorts zusammen, was aber angesichts der ständigen Sparaufforderung an die Jugendhilfe und der damit erzeugten Konkurrenz der Innovationsträger erschwert ist. Sie wollen dem aktuellen Akzeptanzverlust der Gender-Perspek- tive, der v. a. geschlechtshomogenen Angeboten den Boden entzieht, entgegenarbeiten und ein Gesamtkonzept von geschlechterreflexiver Arbeit mit geschlechterhomogenen und reflexiv-koedu ­ kativen Anteilen verwirklichen. Auch wenn unwidersprochen ist, dass der Gender- Begriff zum breiteren Interesse an Geschlechterfra- gen beigetragen hat, bleibt seine Karriere umstrit- ten, u. a. weil befürchtet wird, dass „Gender“ eher auf die Analyse der Geschlechterdifferenz als auf die Kritik am Geschlechterunrecht aus sei (Thürmer- Rohr o. J., 4). In der Tat reduzieren viele Institutio- nen die Genderfrage auf das Zählen von Mädchen und Jungen bzw. Männern und Frauen, ohne sich mit den dahinterliegenden Implikationen wie z. B. strukturelle Behinderungen von Zugängen, Rollen- festlegungen und Reduktionen gesellschaftlicher Entfaltungsspielräume zu beschäftigen. Auch die derzeitige populäre Stilisierung von Jungen als die neuen Opfer des Geschlechterverhältnisses verharrt in einem Gewinn-Verlust-Modell (Ressourcen für Mädchen=Benachteiligung von Jungen) und ver- kennt differenzierte empirische Befunde (siehe auch die kenntnisreiche kritische Kommentierung des Bundesjugendkuratorium 2009). Geschlechterbezogene Ansätze sehen sich zugleich aus der Richtung vereinfacht gefasster Gender- Theorie-Rezeptionen kritisiert: Indem sie Mädchen und Frauen qua Geschlecht ansprächen, verstärkten sie geschlechtliche Zuordnungen. Vielmehr müssten die Praktiken der Zuschreibungen und Geschlech- terinszenierungen thematisiert und dekonstruiert werden. Dieser scheinbare Gegensatz verweist auf eine immanente Dialektik jeglicher gesellschaftskri- tischer Politik: vom Status quo ausgehen und ihn gleichzeitig überwinden. Das bedeutet, die Sachver- halte so zu analysieren, wie sie erscheinen, und zu- gleich deren Gewordenheit zu analysieren (im Hin- blick auf Veränderungsmöglichkeiten). Bezogen auf die Geschlechterfrage resümiert Gildemeister (2005, 688), dass wir „in der ‚normalen‘ Empirie (…) immer schon Männer und Frauen (finden) – die soziale Wirklichkeit ist zwei- geschlechtlich strukturiert (…) Unter diesen Vorausset- zungen bedarf die Geschlechterforschung (und die soziale Praxis – Hinzufügung M.B.) solcher Verfahren, in denen die interaktive Herstellung von Geschlecht verbunden wird mit der Analyse der Geschlechterordnungen in mo- dernen Gesellschaften“. Fachdiskurse und Genderpolitik Das Verhältnis der etablierten Sozialen Arbeit zu genderpolitischen Innovationen ist von deren Kampf um Anerkennung geprägt. Die feministi- schen Projekte der ersten Jahre waren nicht an- getreten, um die Soziale Arbeit zu qualifizieren, sondern um geschlechtsspezifische Konfliktlagen zu politisieren. Insofern waren die ersten Arbeits-

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