Handbuch 5. Auflage

558 Bitzan  ansätze unmittelbare Aktionsformen geschlechter- politischer Initiativen. Mit der Finanzierungsfrage und der massiven Kritik an den Vollzügen der tra- ditionellen Sozialen Arbeit kam die Genderfrage im Fach an. Die Projekte bemühten sich aus Kritik um fachliche Anerkennung (bzw. Finanzierung). Der inzwischen fachlich – in entpolitisierter Form – akzeptierten Anerkennung ist eine Welle neuerlicher Ignoranz gefolgt. Zwischen Normali- sierung und immer noch fehlender Einbeziehung macht sich Überdruss am Thema bemerkbar, und ein Proporzdenken gewinnt Oberhand, das ge- schlechts hierarchische Dimensionen aus dem Dis- kurs eliminiert. Letztlich ist der Geschlechterdis- kurs in seiner gesellschaftlichen Bedeutung nicht wirklich integriert in Fach und Disziplin – was angesichts seiner gesellschaftskritischen Positionie- rung auch nur konflikthaft denkbar sein kann. A. Dieser Befund spiegelt sich in einer gespaltenen Literaturlage, die einerseits in den spezifischen Be- reichen der geschlechterbezogenen Arbeit relativ selbstreferentiell erscheint, andererseits in denHand- büchern und Leitkonzepten, die einen Allgemein- heitsanspruch vertreten, hingegen vom Übergehen der Relevanz der Genderpolitik zeugt. Der Haupt- teil der Literatur beschäftigt sich entweder mit ein- zelnen Arbeitsfeldern (Bitzan/Daigler 2001; Bun- desministerium für Jugend, Frauen und Gesundheit 1981; Brückner 2002; Sturzenhecker/Winter 2002; Jantz/Grote 2003) oder mit eher soziologisch aus- gerichteten Fragestellungen zu Lebenslagen der Ziel- gruppen. Auch in der Forschung finden wir vermehrt den Typus der Praxis – Forschung innerhalb der Arbeits- felder (im Überblick Bitzan 2009; Bentheim et al. 2004); vereinzelt auch Arbeiten, die explizit Strate- gien in den Blick nehmen (Daigler et al. 2003) oder die Entwicklungsgeschichte systematisieren (Wall- ner 2006). Wenige Forschungen gibt es zur Akzep- tanz und Professionalisierung von Projekten (Brück- ner 1998; Graff 2004). Ein weiterer Typus von Publikationen sind Sammel- bände, die unter demGesamtumschlag „Gender und Soziale Arbeit“ Einzelthemen vereinen und durch diese Sammlung eine Breite des Feldes verdeutlichen (Gruber/Fröschl 2001; Simmel-Joachim/Schäfer 2005). Parallel finden sich Auseinandersetzungen mit dem Gender Mainstreaming (Meyer/Ginsheim v. 2002; Enggruber 2001) und Fragen zur Gender- kompetenz, bei denen auffällt, dass in der Regel von einer gesellschaftlich-strukturellenPerspektive ebenso abgesehen wird wie von der Verankerung im diszipli- nären Diskurs der Sozialen Arbeit. Nur wenige Entwürfe gibt es bisher, die versuchen, „die Integration des Geschlechterverhältnisses in die Theorie, die Methodik und die Praxis der Sozia- len Arbeit“ (Gruber / Fröschl 2001) systematisch voranzubringen. Nach dem schon fast historisch zu nennenden Werk von Hans Drake (1980) und dem lange Zeit einzigen als Querschnittsperspektive an- gelegten Band von Bader et al. 1992 fanden sich vereinzelte Versuche, eine übergreifende Perspektive zu verfolgen (Knab 2001; Rösgen et al. 1987; Bit- zan /Klöck 1993). Etwas jüngeren Datums sind erste Konzepte, die Geschlecht als Grundkategorie für eine Theorie der Sozialen Arbeit entwickeln (Böhnisch / Funk 2002; Voigt-Kehlenback 2008). Resümee: Die Diskurse laufen in der Regel immer noch getrennt, Vermittlungen sind mühsam und angesichts des aktuellen Bedeutungsverlusts der Politikfähigkeit von Gender wieder leichter über- gehbar. Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Überlegungen dazu, wie Gender als Querschnittskategorie in die Ausbildung Eingang finden kann. In dem Spagat zwischen dem selten eingelösten Querschnitts- anspruch und der dezidierten Profilbildung in ex- tra „Gendermodulen“ ist diese Frage noch lange nicht gelöst. „Mit der Einführung der Kategorie Geschlecht als einer sozialen Strukturkategorie auch innerhalb der Sozialpäd­ agogik ist die Herausforderung verbunden, die sozial­ pädagogischen Theorien zu den Lebenslagen ihrer Adres- satinnen und Adressaten, den Arbeitsansätzen und Handlungsmustern sowie auch zur gesellschaftlichen Funktion von Sozialpädagogik / Sozialarbeit neu zu über- denken“ (Friebertshäuser et al. 1997, 11). B. „Genderpolitik“ bedeutet also neben der gelin- genden Etablierung von Praxisprojekten auch das Bemühen um Eingang der genderbewussten Kon- zepte in die vorhandenen Arbeitskonzepte der Sozia- len Arbeit. Das meint nicht nur, systematisch ge- schlechtsspezifische Lebenslagen des Klientels zu berücksichtigen, sondern darüber hinaus etablierte Interventionen geschlechterpolitisch zu prüfen und ggf. zu qualifizieren, sowie professionelle Leitorien- tierungen zu sichten und ggf. zu revidieren – ein An- spruch, dessen Umsetzung bisher auffallend wenig

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