Handbuch 5. Auflage

Geschichte der Sozialen Arbeit 583 deln einzelner Personen oder um die Wirkung einzelner Ereignisse, sondern um die Einbettung in übergreifende Zusammenhänge, eben in Strukturen gehen, die eine erklärende Interpretation von Pro- zessen erlauben (Frevert/Haupt 2005). Die andere Dimension ist die Ebene des Diskurses „über“ die geschichtlichen Entwicklungen, der zeitgenössischen Deutungen, Interpretationen und Begründungen, die die realen Ereignisse ständig vorbereiten, kommentieren und bilanzieren. Beide Ebenen sind keinesfalls voneinander zu trennen, denn sie sind ja auch im historischen Prozess selbst aufeinander bezogen. Ohne die Berücksichtigung des zeitgenössischen Diskurses würden historische Ereignisse ohne Sinn, oft auch ohne Zusammen- hang und Entwicklung, zufällig und beliebig er- scheinen. Die schriftlichen Quellen enthalten im- mer schon die Deutung und Bewertung der Ereignisse in sich. Diese Eigenart der Quellen, die in ihnen anzutreffende charakteristische Verschrän- kung von Bericht, Deutung und interessegeleiteter Wertung, aber auch von charakteristischen Auslas- sungen verbietet es, sie naiv zu lesen, sie als quasi objektive Faktenschilderungen zu nehmen. Umgekehrt sind sie wichtige und aufschlussreiche Reflexionen über die in jener Zeit sich vollziehen- den Verschiebungen und Umstrukturierungen, ein Zeugnis des Verständigungsprozesses in der jeweili- gen zeitgenössischen Fachdiskussion. Sie ermögli- chen es, kritisch gelesen, überhaupt erst, die Ent- wicklung der Sozialarbeit in ihrer inneren Logik und Bedeutung zu erfassen. Sie bewahren schließ- lich auch vor einer Verdinglichung des historischen Prozesses, in dem alles entweder zwangsläufig oder zufällig erscheint, die damals gegebenen Spielräume und Entwicklungsalternativen aber übergangen werden. Sie helfen zu verstehen, warum gerade be- stimmte Wege beschritten wurden und andere denkbare nicht. Die Analyse der Geschichte der Sozialen Arbeit darf also nicht „einfach“ die Entwicklung von Ein- richtungen, Praxis- und Berufsvollzügen der Sozi- alarbeit als quasi objektive Fakten darstellen, son- dern muss sie auf der Basis ihrer Deutungen und Kontroversen verstehen. Die „bloße“ Nacherzäh- lung von historischen Verläufen erliegt allzu leicht der Gefahr, Entwicklungen als schlüssige Schritte oder als „Fortschritt“ (Erfolgsgeschichte) zu erzäh- len. Sie unterschlägt damit Brüche, Diskontinuitä- ten, Widersprüche und übergangene Probleme, insbesondere Verluste und negative Folgen von his- torischen Entwicklungen. Zu den grundlegenden Fragen einer Diskursgeschichte gehören: Wie setzt sich im historischen Diskurs ein bestimmtes Ver- ständnis von Sozialpädagogik bzw. Sozialer Arbeit durch und warum waren andere Positionen nicht durchsetzungsfähig? Hat dies mit Gründen zu tun, die in der Sache selbst liegen (Sachlogik), sind sie durch den generellen zeitgeschichtlichen Kontext bedingt (historisch bedingt) oder stehen hinter ih- nen bestimmte machtvolle Interessen bestimmter Akteure? Bisher liegen Arbeiten vor, die die Geschichte So- zialer Arbeit in unterschiedlichen historischen Dis- kursen aufsuchen und analysieren, z. B. im Kontext der (kontroversen) Diskurse über ihre Pädagogisie- rung, Institutionalisierung und Verrechtlichung (Münchmeier 1981; Hering /Münchmeier 2007). Ein anderer Versuch ordnet die Jugendfürsorge zur Weimarer Zeit in den Diskurs über die Sozialdis- ziplinierung der Jugend ein (Peukert 1986). Die Bedeutung der Frauenbewegung und deren Dis- kurs über geistige Mütterlichkeit ist als Geschichte des „weiblichen Begehrens“ rekonstruiert worden (Althans 2007). Neuere Arbeiten konzentrieren sich zum Beispiel auf die historischen Diskurse über „Gemeinschaft“ (Sandermann 2009) oder über den „Gemeinwesengedanken“ (Bingel 2009). Es gibt jedoch bisher keine umfassenden Studien, die – wie schon Marzahn (1978) angemahnt hat – die Entwicklung Sozialer Arbeit in den Kon- text und die Struktur des Alltags der Klientelgrup- pen und ihrer Lebensrealität einbetten, in ihre im- mer schon vorhandenen Bemühungen zur Bewältigung ihrer Alltagsprobleme. Ansätze hierzu gibt es lediglich in den modernen geschichtswis- senschaftlichen Studien zu einer Alltagsgeschichte (Kuczynski 1981–1982; Borscheidt 1990; Jurczyk / Rerrich 1993; Lüdtke 2002), in den Versuchen ei- ner Geschichte der Selbsthilfebewegungen (Peters 1980; Kerbs / Reulecke 1998; Rucht / Roth 2008) oder in Studien zur Lebensrealität von Klienten (Bitzan et al. 2006). So bleibt die Historische Sozi- alpädagogik vorläufig in dieser Hinsicht noch fast völlig verwiesen auf die Ergebnisse der sozialhis- torischen Forschung, insbesondere zu Kindheit, Jugend, Familie, Lebenslagen und Biografie.

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