Handbuch 5. Auflage
584 Münchmeier Geschichte oder Geschichten? Fast alle Darstellungen der Geschichte Sozialer Ar- beit konzentrieren sich auf die Entwicklung in Deutschland und unterliegen damit einigen Be- grenzungen. Die deutsche Geschichte hat etliche Besonderheiten, die sie von europäischen Nach- barländern, erst recht von den USA, unterscheidet. Zu diesen Besonderheiten gehört etwa eine relativ spät einsetzende Industrialisierung, eine für Deutschland charakteristische Arbeitsteilung zwi- schen Staat und sozialen Organisationen wie z. B. den Wohlfahrtsverbänden, die frühe Verrecht- lichung der Sozialarbeit und die damit zusammen- hängende Bürokratisierung, die Ausbildung der Fachkräfte außerhalb der Universität, die Zuord- nung des Kindergartens zur Kinder- und Jugend- hilfe anstelle des Schulwesens und anderes mehr. Fast alle Überblicksdarstellungen sind darüber hi- naus tendenziell „preußenlastig“ bzw. „berlinlas- tig“. Es gibt bisher nur wenige Studien über die Entwicklungen etwa in Frankfurt, Hamburg, Kas- sel, München oder Düsseldorf. Studien zur Regio- nalgeschichte der Sozialarbeit z. B. in Süddeutsch- land, in Thüringen und Sachsen, im Rheinland und im Norden Deutschlands liegen bisher nur ausschnitthaft oder spezialisiert auf die Geschichte einzelner Verbände oder Einrichtungen vor. Periodisierungsfragen Da sich jede historische Entwicklung in einer Kette von Ereignissen präsentiert, lässt sich die Ge- schichte von mitmenschlicher Hilfe, kollektiver Unterstützung, nachbarschaftlicher Begleitung im Prinzip bis „in graue Vorzeit“ zurückverfolgen. Es fragt sich allerdings, ob diese Geschichte der Mild- tätigkeit identisch ist mit einer Geschichte der So- zialen Arbeit. Hierüber zu entscheiden ist wiede- rum eine Aufgabe theoretischer Vergewisserung. Versteht man unter Sozialer Arbeit eine moderne Form der Vergesellschaftung der jahrtausendealten Nothilfe, dann muss sie eingeordnet werden in den Kreis jener sozialpolitischen Maßnahmen, denen die kompensatorische Bearbeitung der problemati- schen Folgeerscheinungen und sozialen Kosten der industriellen Revolution und der kapitalistischen Umgestaltung der Lebensverhältnisse aufgetragen ist (grundlegend: Luhmann 1973). Im Gegensatz zu älteren Auffassungen (z. B. Scherpner 1966, der die Geschichte der Jugendfür- sorge sogar bis ins griechische Altertum zurückver- folgt) hat sich in der moderneren Forschung zur Geschichte der Sozialarbeit die Meinung durch- gesetzt, dass der Beginn ihrer Geschichte als „selbst- ständiger“ gesellschaftlicher Praxis und einer ent- sprechenden Theorie in der Herausbildung der „historischen Arbeitsteilung“ zwischen materieller Daseinssicherung (Sozialversicherungen) und per- sonbezogenen Hilfsangeboten (Sozialpädagogik) in den 1870er und 1880er Jahren des 19. Jahr- hunderts zu suchen ist. Die im aufkommenden Kapitalismus einsetzende Massenverelendung mit ihren zyklenhaften Krisen verwandelte das Armuts- problem: Armut hatte nun nicht mehr primär „natürliche Ursachen“ (Missernten, Kriege, Seu- chen usw.), sondern war „gesellschaftlich“ bedingt, eben durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse selbst. Das Armutsproblem verwan- delte sich damit in eine „soziale Frage“ und ließ die althergebrachten polizei- und ordnungspolitischen Repressionsstrategien gegenüber der Armutsbevöl- kerung als ungenügend erscheinen. Im liberalen, aufgeklärten Bürgertum setzte sich der Gedanke durch, dass man auf die mit der Industrialisierung entstandenen Probleme mit neuen Strategien so- zialer Integration reagieren müsse, die auf indivi- duell ausgerichteten Hilfen und Erziehung beruhen sollten. Armut und Verelendung wurden dadurch neu interpretiert und als Folge der schwindenden Erziehungskraft in den proletarischen Familien, der Entwurzelung und des Herausgerissenseins aus den traditionellen Wertemilieus der dörflich-bäu- erlichen Gemeinschaften, der überlieferten Sitte und Moral verstanden. Gegenwart aus der Geschichte verstehen Der für die Soziapädagogik offenbar charakteris- tische Rückgriff auf die Geschichte als Zugang zu einer größeren Reflexivität in Bezug auf die eigene Entwicklung wirft die Frage nach den Hinter- gründen und Motiven auf: Was eigentlich soll aus der Geschichte gelernt werden (Herrlitz 1986)? Hierfür ist in der Vergangenheit eine Reihe von Antworten vorgeschlagen worden. So hat man etwa versucht, nach dem Motto „das kann man
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=