Handbuch 5. Auflage
Geschichte der Sozialen Arbeit 585 nur historisch erklären“ (Lübbe 1977) die Un- übersichtlichkeit, die jeder systematischen Logik gegenüber sperrige Widersprüchlichkeit der Ju- gendhilfepraxis, das Ineinander ungleichzeitiger Partialentwicklungen, in dem sich Traditions- bestände aus unterschiedlicher historischer Her- kunft für Heutige fast undurchschaubar mischen, transparent und gleichsam „legitimierbar“ zu ma- chen. Oder man greift auf Geschichte zu im Sinne einer positiv zu bilanzierenden „Success Story“ (kritisch hierzu: Peukert 1986), wonach die Ver- gangenheit als (noch nicht voll entwickelte) „Vor- form“, die Gegenwart dagegen als die „Ernte der Zeiten“ (Troeltsch 1916) erscheint. Andere bilan- zieren die historische Entwicklung eher umge- kehrt im Sinne einer „Verfallsgeschichte“, in der Erkenntnisse oder positive Ordnungen der Ver- gangenheit sukzessive einer Aushöhlung oder Auflösung unterworfen werden. Über solche eher „historistischen“ Motivinterpre- tationen gehen neuere Überlegungen hinaus. Thiersch / Rauschenbach (1984), Böhnisch et al. (1997) haben darauf hingewiesen, dass sich das Interesse an einer historischen Selbstvergewisserung im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Auf- lösung tragender gesellschaftlicher und theoreti- scher Grundorientierungen der Sozialpädagogik sehen lässt, also als „gesellschaftstheoretischer Ori- entierungsversuch“ in einer Situation der „neuen Unübersichtlichkeit“ verstanden werden kann. In dieser Argumentation wird historische Reflexion gerade deshalb herausgefordert, weil sie – nach der Logik der modernen Sozialgeschichte – umfas- sende gesellschaftliche Entwicklungstheorien ver- spricht: „Mit der Entwicklung (der Geschichtswissenschaft) zur historischen Sozialwissenschaft ist daher notwendig auch das Bemühen um gesamtgesellschaftliche Entwicklungs- theorien verbunden, die die Erklärung der Struktur und Entwicklung eines gesellschaftlichen Ganzen – und nicht nur seiner Teilphänomene leisten können (…) Die Ge- schichtswissenschaft als historische Sozialwissenschaft ist zur gesamtgesellschaftlichen historischen Analyse und Darstellung verpflichtet“ (Rürup 1977, 9–10). In den 1970er Jahren ist versucht worden, im Rah- men des „historischen Materialismus“ eine solche umfassende Geschichte der Sozialarbeit zu erarbei- ten. Zentrale Kategorie für die Erschließung der „Materialität“ der Geschichte wie für ihre Ver- knüpfung mit einer gesellschaftstheoretischen Ent- wicklungslogik war dabei die Kategorie „Armut“ (z. B. Zander 1973) bzw. „Klassenkonflikt“ (Ahl- heim et al. 1971). Gegen diese Ansätze ist einge- wandt worden, dass sie von einem starken „Deduk- tionismus“ geprägt seien, der sich aus der der marxistischen Theorie eigentümlichen Hierarchie der gesellschaftlichen Teilsysteme (Basis-Überbau usw.) ergebe. Gegenwärtig werden für die theoretische Einbet- tung der Entwicklung der Sozialpädagogik in der Regel sozialwissenschaftlich-historische „Moderni- sierungstheorien“ herangezogen (Böhnisch et al. 1997). Diese modernisierungstheoretischen An- sätze erlauben, Soziale Arbeit im Gesamtprozess gesellschaftlicher Veränderungen zu thematisieren und in verschiedenen Teilbereichen operationali- siert zu verfolgen. Sie ermöglichen aber insbeson- dere eine Kooperation von Geschichtswissenschaft und den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen bis hin zu Integrationsversuchen der wechselseitigen Ergebnisse. Entwicklungslinien Der Schwerpunkt der historischen Forschung zur Geschichte der Sozialen Arbeit liegt bisher auf der Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik sowie der Zeit des Nationalsozialismus. Liest man die zahlreichen Ar- beiten unter dem Aspekt, was sie für das Verständ- nis Sozialer Arbeit in der Gegenwart beitragen, so lassen sich einige Entwicklungslinien aufzeigen, in denen sich sowohl die noch heute grundlegenden Strukturen und Handlungsmuster ausgebildet ha- ben sowie auch einige der immer wieder aufbre- chenden und nicht abschließend gelösten Probleme und Herausforderungen. Pädagogisierung als Konstituierung Die liberalistische Gesellschafts- und Wirtschafts- auffassung und ihr idealistisches Vertrauen in die Fortschrittsqualität der geschichtlichen Entwick- lung zerbrachen zunehmend im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die überlieferten Ansätze der Armenfürsorge erwiesen sich immer weniger als
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