Handbuch 5. Auflage
Geschichte sozialpädagogischer Ideen 597 sei. Mit Hilfe dieses Konzeptes gelang es den frauen- bewegten Akteurinnen sowohl eine dezidierte und ausgearbeitete Kritik an gesellschaftlichen Zustän- den zu artikulieren als auch die gesellschaftliche Si- tuation selbst zu transformieren. Das Denken und die Politik der „geistigen Mütter- lichkeit“ (zuerst Schrader-Breymann 1962 / 1868) können – historisch wie systematisch – sicherlich auch als „Emanzipationsfalle“ (Maurer 2003) ge- deutet werden; dennoch lohnt es sich, neben den normativen und (selbst)begrenzenden Elementen auch die kritisch-utopischen Aspekte zu rekon- struieren, die damit zum Ausdruck und zur Gel- tung gebracht wurden (Maurer 1997). „Ge- schlecht“ wird dabei als eine Dimension deutlich, die „gesellschaftliche Erfahrung“ in spezifischer Weise strukturiert und auch neu hervorbringt. „Geschlecht“ wird also – neben „Klasse“ – als ge- sellschaftliches Konfliktfeld deutlich. Care und Bildung I – Frühe Beiträge im 19. Jahrhundert Für den hier diskutierten Zusammenhang er- scheint grundlegend, dass Frauen aus der bürger- lichen wie der sozialistischen Frauenbewegung Neu-Konzeptionierungen von Care und Bildung vornehmen. Die – für die Entwicklung moderner Sozialer Arbeit vor allem maßgebliche – bürgerli- che Frauenbewegung formuliert Visionen von ei- ner veränderten gesellschaftlichen Ordnung, was die Lebensmöglichkeiten der Menschen und die gesellschaftlichen Anerkennungsverhältnisse an- belangt, entwickelt dabei konkrete „so- zial(pädagogisch)e Ideen“ und arbeitet – auf dem Wege Sozialer Arbeit, aber auch mit ihrem Kampf um Bildung – auf deren Verwirklichung und ein Management des Sozialen (Althans 2007) hin. Bildung und Sorge werden im Kontext frauenbe- wegter Visionen des Sozialen gleichermaßen als Notwendigkeit formuliert und erweisen sich als bewusster und explizit politischer Umgang mit den zeitgenössischen sozialen Herausforderungen. Es lohnt sich daher, die Aufmerksamkeit auf die spezifischen Verknüpfungen zwischen Bildung und Care-Work zu richten, wie sie sich vor allem im Kontext der bürgerlichen Frauenbewegung finden – in der übergreifenden Politik, den Kon- zepten und Strategien der Bewegung, in den kon- kreten frauenbewegten Initiativen und Praktiken, aber auch in den Selbstzeugnissen der beteiligten Frauen. So bieten etwa die politischen und sozialkritischen Schriften einer Fanny Lewald (1989) oder Louise Otto-Peters aus der Zeit des Vormärz Einblicke in eine intensive Auseinandersetzung mit den gesell- schaftlichen Umbrüchen und sozialen Fragen der Zeit – die „Frauenfrage“ ist hier ausdrücklich in- tegriert und bildet häufig den zentralen Bezugs- punkt der gesellschaftskritischen Reflexionen. Unterschiedliche Text-Genres und Medien wer- den dafür genutzt: Louise Otto-Peters’ – zunächst von der Zensur beschlagnahmter und in der Folge in einer entschärften Fassung erschienener – Ro- man „Schloss und Fabrik“ von 1846 (die unzen- sierte Originalversion erschien erst 150 Jahre spä- ter) erweist sich als vielschichtige Behandlung der sozialen Frage unter dem Eindruck der beginnen- den Industrialisierung Deutschlands. Frühsozia- listische Utopien werden hier ebenso ausführlich reflektiert wie die humanistisch-aufgeklärten Ideale von Menschenliebe und Mildtätigkeit (Otto-Peters 1996). Fanny Lewald, eine der einflussreichsten deut- schen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts und viel gelesene Autorin des Vormärz, tritt – wie Otto-Peters – als überzeugte Demokratin und Anhängerin der Revolution von 1848 für soziale und politische Gleichheit ein. Ihre Schriften kennzeichnen den Lebensalltag armer Handarbei- terinnen ebenso wie die Ignoranz privilegierter Frauen ihrer Zeit. Bildungs- und soziale Fragen werden in einem engen Zusammenhang gedacht, wenn Lewald etwa Einblicke in frühe emanzipa- torische Einrichtungen wie die Hamburger Frau- enhochschule oder das erste Berliner Asyl für ob- dachlose Frauen gibt. Gertrud Bäumer wird Lewalds Beiträge später mit folgenden Worten kommentieren: „Das Beste, was in der ganzen ersten Generation der Frauenbewegung zur Sache gesagt ist. […] Dabei vollkommen unpathetisch und ohne Sentimentalität und Übertreibung.“ (Bäumer 1910 / 11, 490) In Frankreich veröffentlicht Flora Tristan 1843 mit ihrer Schrift „Arbeiterunion“ (Tristan 1988) das erste politische Manifest, in dem der Kampf der Arbeiter und der der Frauen eine Einheit bilden. Die darin entwickelten sozialen Visionen können als bedeutsamer Beleg für ein Zusammen- und
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