Handbuch 5. Auflage

598 Maurer · Schröer  Querdenken aller gesellschaftlichen Bereiche gele- sen werden. Tristans konkrete Vorschläge einer politischen Organisation von Arbeiterinnen und Arbeitern lassen sich nicht zuletzt auf die im fran- zösischen Frühfeminismus formulierten Ideen zu- rückbeziehen, die im folgenden Motto verdichtet zum Ausdruck gebracht werden: „Freiheit für die Frauen, Freiheit für das Volk, durch eine neue Or- ganisation von Hausarbeit und Industrie.“ (Gru- bitzsch / Lagpacan 1980, 63) Care und Bildung II – Entwürfe frauenbewegter Akteurinnen von 1900 bis in die Weimarer Republik Um die Wende zum 20. Jahrhundert haben frau- enbewegte „soziale Arbeiterinnen“ und Pädago- ginnen in vielen Ländern und international ver- netzt weitreichende Konzepte einer sozialen Praxis und Wissenschaft entwickelt (Hering /Waaldijk 2002). Sie begründeten nicht nur zahlreiche Or- ganisationen, die dazu beitrugen, lokale soziale Kulturen und Hilfestrukturen zu schaffen (Schrö- der 2001), sie erforschten und analysierten die vorgefundenen und erfahrenen Probleme auch im Kontext der entstehenden Sozialwissenschaften und der Nationalökonomie (Hering 1997; Bühr- mann 2004). Insbesondere die Bezugnahme auf das „Frauenwohl“ erwies sich offenbar als krea- tive, elastische Formel, die den gesellschaftlichen Zusammenhang von „Bildung und Care“ thema- tisierbar machte. In den Foren bürgerlicher Sozialreform und der sich entwickelnden Sozialpolitik etablierten die Akteurinnen sozial(pädagogisch)e Ideen. So hielt etwa die Fabrikinspektorin und spätere Reichs- tagsabgeordnete Marie Baum beim 22. Evan- gelisch-sozialen Kongress in Chemnitz 1910 einen Vortrag mit dem Titel „Fabrikarbeit und Frauen- leben“. Gleich zu Beginn strich Baum ihre Kritik am Zugang der „Inneren Mission“ Wicherns he- raus: Der Industrialismus habe das gesellschaftli- che Leben derart verändert, dass nur mit Hilfe der neueren sozialen Wissenschaften – und nicht al- lein mit dem Evangelium – die Situation begriffen und Gegenmaßnahmen gefunden werden könn- ten. Sozialpolitik habe dabei die Perspektive der Sorge für die Persönlichkeitsbildung einzuneh- men und die großen Momentaufnahmen der So- zialwissenschaft dahingehend zu hinterfragen, wie der einzelne Mensch in seiner jeweiligen Lebens- situation sein Ich erhalten und seine Persönlich- keit stärken könne (Baum 1910, 10). Baum argumentierte in ihrem Vortrag ausgehend von den Erkenntnissen der sozialen Statistik und setzte gerade darüber ihre sozialen Ideen ins Ver- hältnis zu den Vergesellschaftungsformen des Frau- enlebens im industriellen Kapitalismus (siehe auch Rühle-Gerstel 1932). Sozialpolitik, Bildungspolitik und Fürsorge sah sie als gesellschaftliche Mittel, die dem Menschen im industriellen Kapitalismus „Be- wegungsfreiheit“ sichern und geben sollten, damit er sich zu einer Persönlichkeit entwickeln könne. Da- bei wollte Baum insbesondere die Mädchen in den sozialpolitischen Horizont rücken. Sie forderte so- ziale und pädagogische Maßnahmen vergleichbar mit denen für die Jungen, denn letztlich habe die Pädagogik für die Mädchen den gleichen Dienst zu erfüllen, wie die Gewerkschaften und Arbeiterbil- dungsvereine ihn für den erwachsenen männlichen Arbeiter leisteten. Die Pädagogik – so lässt sich Baum pointiert interpretieren – müsse letztlich eine Gewerkschaft für die Jugend sein. Verfolgt man diesen Strang einer bildungs- und sor- gepolitisch engagierten Sozialpädagogik der bürger- lichen Frauenbewegung in seiner ganzen Breite, so wird deutlich, dass angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in der Frauenbewegung entschieden um sozial(päd­ agogisch)e Ideen gestritten wurde. In ihrem berühmt gewordenen Aufsatz zu den „historischen und sozia- len Voraussetzungen der Sozialpädagogik und ihrer Theorie“ ist es Gertrud Bäumer, die angesichts der wohlfahrtsstaatskritischen Diskussionen Ende der 1920er Jahre deutlich macht, dass sich „die Grund- lage des öffentlichen Erziehungssystems“ gewandelt habe und die tradierten Orte der Sorge, der Erzie- hung und Bildung nur durch eine „gesellschaftliche Mehrleistung“ bewahrt werden könnten (Bäumer 1929). Sie streicht unmissverständlich heraus, dass die Sozialpädagogik und ihre Theorie nur zu begrei- fen seien, soweit man die, „Veränderungen der gesell­ schaftlichen Struktur soziale(r) Probleme“ betrachte, die „Grundlagen und Wesen der Hilfsbedürftigkeit durchaus verändert hätten“. In Bäumers Sicht fällt die Entwicklung der Sozialpädagogik in eine Ent- wicklungsperiode, die man auf die Formel „Von der Caritas zur Sozialpolitik“ bringen kann (Maurer / Schröer 2002).

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