Handbuch 5. Auflage

Geschichte sozialpädagogischer Ideen 599 Insofern ist die Entwicklung der Sozialen Arbeit, wie sie durch die Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts grundlegend geprägt wurde, im sozialpolitischen Zusammenhang der „great trans- formation“ hin zu den „Basissicherheiten des Wohlfahrtsstaates“ zu verstehen (Evers /Nowotny 1987). Dabei versuchten die Akteurinnen diesem Transformationsprozess ideell wie praktisch-poli- tisch eine eigene Richtung zu geben, indem sie Soziale Arbeit – mit Blick auf die Bildungsheraus- forderungen und Sorgeverhältnisse – in den Hori- zont der sozialpolitischen Entwicklungen rückten. In ihrer Studie zu „Frauenbewegung und Sozialre- form 1890–1914“ kann Iris Schröder zeigen, dass mit der Sozialen Arbeit bürgerlicher Frauen um 1900 nicht zuletzt versucht wurde, „Bildung“ und „Arbeit“ als übergeordnete Wertvorstellungen im „Glauben an eine bessere Welt“ zu etablieren (Schröder 2001). Dabei wurde der Arbeitsbegriff geöffnet und für alle gesellschaftlich bedeutsamen Tätigkeiten gleichermaßen verwendet – für Haus- wirtschaft, Pflege, Erziehungstätigkeit im Rahmen der Familie ebenso wie für Lohn- und Berufsarbeit. Damit stellten die frauenbewegten Akteurinnen nicht nur die – historisch noch relativ jun- gen – Trennungen und Hierarchien in Bezug auf gesellschaftliche Sphären und Arbeitswelten kri- tisch infrage, sie nahmen auch eine ausdrückliche Anerkennung und Wertschätzung von Sorge-Tä- tigkeiten vor bzw. klagten diese ein. Ähnliches lässt sich für den Begriff der „Bildung“ beschreiben: Mit dem Konzept der „Sozialen Frauenbildung“ (Salomon 1908) wird eine Dop- pelperspektive zum Ausdruck gebracht, die Bil- dung gleichzeitig auf das Individuum sowie auf Gesellschaft, Politik und Staat bezieht – damit klassischen Bildungskonzepten im Hinblick auf eine „mündige Staatsbürgerschaft“ durchaus ver- wandt. Indem diese Bildungsidee zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext Sozialer Arbeit und für Frauen reformuliert wird, bringt sich eine zeitgenössische Hoffnung auf „Verallgemeiner- barkeit des bürgerlichen Projektes“ (Schröder 2001, 334) zum Ausdruck. Auch dessen Ambiva- lenz (Dammer 2008) – die Vision einer universell gedachten politischen Teilhabe und die Vorstel- lung von Bürgerlichkeit als spezifisches Modell der Lebensführung – zeigt sich vielfach in den sozialpädagogischen Ideen und Praktiken der bürgerlichen Frauenbewegung. An dieser Stelle ist ein Aspekt hervorzuheben, der das Verhältnis von Bildung und Sozialer Arbeit im Kontext der Frauenbewegung um 1900 in beson- derer Weise beleuchtet. Es ist „Der Kampf um ‚weibliche Individualität‘“ (Bührmann 2004), wie er etwa in Gertrud Bäumers Text „Die Frau in der Kulturbewegung der Gegenwart“ (1904) zum Thema wird. Für die frauenbewegten Akteurinnen ist die Teilhabe an Bildung zentrales Motiv im dop- pelten Wortsinn: Sie selbst streben nach Bildung als kostbares Gut, verknüpfen damit politische, auch gesellschaftliche Teilhabe im weiteren Sinne (Maurer 2003). Bildung wird für sie zum Symbol, zum Medium eines sinnvollen Lebens in Gesell- schaft und der Selbstsorge für sich als Individuum. ImHinblick auf die Soziale Frage erscheint Bildung als „Prävention“, als existentiell notwendige Bedin- gung für die Chance einer besseren Sorge. In bei- den Hinsichten ist Bildung „Hoffnungshori- zont“ – markiert ein „Jenseits der Not“, ein „Jenseits der herkömmlichen Abhängigkeiten in Geschlech- terbezügen“. Der soziale Diskurs der Frauenbewegung, der sich in der Spannung zwischen Gesellschaftstheorie und sozialer Praxis bewegte, lag quer zu den ande- ren pädagogischen Diskussionen der Zeit. Schon Lily Braun (geb. von Gizycki) wehrte sich dagegen, die Sorge- und Familienfrage in der kapitalistischen Gesellschaft auf eine „Frauenfrage“ einzuengen. Die Gebundenheit der Frau an die Familie und ihre damit erzwungene Abhängigkeit sollte viel- mehr über neue soziale Formationen aufgelöst werden, die geeignet seien, die geschlechtshierar- chische Spaltung der Lebens- und Arbeitswelten zu überwinden. Frauen und Männer sollten deshalb auf der Grundlage einer frauenbewegt inspirierten antikapitalistischen Sozialwissenschaft neue soziale Ideen „jenseits des Patriarchats“ entwerfen. Wie Frauen einst die „Oekonomie des Hauses“ begrif- fen hätten, sollten sie nun die „Oekonomie der Welt“ erfassen (Braun 1901, 140). „Herz und Geist“ als Gestaltungsprinzipien sollten nicht auf den privaten Reproduktionsbereich beschränkt bleiben, denn auch in der Ökonomie des indus- triellen Kapitalismus zeige sich, dass „bloße Kraft“ nicht das Gestaltungsprinzip einer Gesellschaft sein könne. Ganz in diesem Sinne sahen auch Alice Salomon und Helene Weber „die Soziale Arbeit der Frau“ eben nicht nur auf die Beziehungsarbeit des sozia-

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