Handbuch 5. Auflage

600 Maurer · Schröer  len Nahraums beschränkt, sondern als gesell- schaftliche Arbeit – mit dem Ziel öffentlich zu zeigen, dass „der Mensch höher gewertet wird als die Wirtschaft“ (Weber 1931, 308). Salomon be- griff die „soziale und fürsorgerische Begabung der Frau“ als Bildungsherausforderung – und enthob sie damit gleichzeitig einer scheinbar gegebenen „Natürlichkeit“. Salomon, Baum und Bäumer formulierten als ge- sellschaftspolitische Begründung für Sozialpädago- gik und Sozialarbeit die Rückholung und Verteidi- gung des Menschen in der rationalisierten industriekapitalistischen Gesellschaft; gleichzeitig wurde in der Praxis Sozialer Arbeit eine „weibliche“ Methodik, ein Management (Althans 2007) ent- wickelt, das sich insbesondere auf die Einzelfall- hilfe bezog. Marie Baum beschrieb in ihrer Bilanz „Zehn Jahre soziale Berufsarbeit“ (1926) die für- sorgerische Tätigkeit des „case-work“ (als „Über- blick über das Ganze“) in ihrer Verbindung mit „care-work“: Die Fürsorgerin sollte einerseits ra- tional-methodisch arbeiten und den Klienten gleichzeitig mit „Wärme und Liebe“ entgegen tre- ten, damit sie im behördlichen Apparat nicht nur „als Fall“ erscheinen. Care und Bildung III –  Gemeinschaften, Genossenschaften und Nachbarschaften Auch in den Kreisen der bürgerlichen Sozialreform und Pädagogik des 19. Jahrhunderts, im Vormärz (Gedrath 2003), in den 1840er Jahren (Müller 2002; Dollinger et al. 2010) oder um die Wende zum 20. Jahrhundert sind den bisher ausgeführten Debatten vergleichbare Entwürfe und Positionen zu finden. So entdeckte 1894 Paul Natorp mit sei- ner Schrift „Pestalozzis Ideen über Arbeiterbildung und soziale Frage“ die sozialen Ideen des Schweizer Pädagogen wieder. Der Mensch ist demnach nicht nur den ökonomischen Entwicklungen ausgelie- fert, er kann sich dagegen wehren, sich um sich sorgen, und diese Sorge begründet sich aus seinem Menschsein. Die Gewaltförmigkeit des Kapitalis- mus sei Teil des „ewigen sittlichen Unrechts“ der Gewalt von Menschen über Menschen, der Wider- stand gegen sie und damit gegen die kapitalistische Gewalt nicht nur gesellschaftliches, sondern auch sittliches Recht: „Die Produktionslage ruft auch ohne greifbare Folgen die Ideen hervor, die darauf zielen, sie und damit die Gesamtlage der Menschen zu bessern, aber die Ideen gestalten dann wieder die Produktion.“ (Natorp 1894, 24) Natorps Verknüpfung von philosophischen, sich um das Menschsein sorgenden, und bildungstheoreti- schen Überlegungen war um die Wende zum 20. Jahrhundert wissenschaftlich durchaus populär. Die Wechselwirkung von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zu bestimmen wurde zur zentralen He- rausforderung der damals aufkommenden Sozial- wissenschaft. So plädierte auch Georg Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“ (1904) ausdrücklich für eine Synthese lebensphilosophischer und sozial- ökonomischer Perspektiven. Auch Max Weber ar- beitete in seiner „protestantischen Ethik“ heraus, dass die Durchsetzung des kapitalistischen Geistes sich wesentlich „dornenvoller“ vollzogen habe, als die „Theoretiker des Überbaus“ es annehmen und fragte nach dem ethischen und kulturellen „Unter- bau“ des Kapitalismus (Weber 1904, 23). So entwickelten sich sozial(pädagogisch)e Ideen zur Umgestaltung und Humanisierung der kapi- talistischen Industriegesellschaft im Kontext des sozialpolitischen Diskurses zur „Sozialen Frage“ (Schröer 1999), indem ein „Weg“ der sozialen Zähmung des Kapitalismus gesucht wurde. Bei Natorp fließen sozialpädagogische, sozialphi- losophische und sozialpolitische Perspektiven der Zeit im Sinne einer pädagogischen Transformation der Sozialreform zusammen. Zeitgenössische Kriti- ker verwiesen vor allem auf dessen sozialidealisti- sche Grundannahme: Schon Pestalozzi habe in seinem Roman „Lienhard und Gertrud“ gezeigt, merkte z. B. der Sozialwissenschaftler Ferdinand Tönnies an, dass der Mensch durch die gesell- schaftlichen Verhältnisse zu dem geworden sei, was er ist (Tönnies 1894). Natorp verstand Sozialpädagogik als Theorie der sozialen Bildung im Sinne der Sorge um den Menschen in seiner Sozialität. Jene realisiert sich demnach im Widerspiel der Bildungsbedingun- gen des sozialen Lebens mit den sozialen Bedin- gungen der Bildung. Er konkretisierte sein Kon- zept für den Zusammenhang so unterschiedlicher Bildungsinstitutionen wie Familie, Schule, Ge- nossenschaften – in einem ganzheitlichen Ansatz, der bereits bei Pestalozzi angelegt war. Natorps sozialpädagogische Ideen setzen also auch bei der Familie an, die er aber – den gewandelten

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