Handbuch 5. Auflage
Allgemeine Pädagogik / Sozialpädagogik 61 Nachkriegsjahrzehnten dar. Der weitere Ausdiffe- renzierungsprozess der Erziehungswissenschaft in verschiedene Subdisziplinen vollzog sich dann erst in den späten 1960er und in den 1970er Jahren. Im Gefolge der Reformdiskussion um eine Ver- wissenschaftlichung und der in den 1970er Jahren in den meisten Bundesländern verwirklichten In- tegration der Pädagogischen Hochschulen in Uni- versitäten wurde die Ausbildung von Grund- und HauptschullehrerInnen sowie von Sonderschul- lehrerInnen akademisiert und sozial aufgewertet. Einen zusätzlichen Expansions- und Ausdifferen- zierungsschub erfuhr das Fach Erziehungswissen- schaft dann durch die Einführung eines erziehungs- wissenschaftlichen Diplomstudienganges, die im Frühjahr 1969 von der Kultusministerkonferenz und der Westdeutschen Rektorenkonferenz be- schlossen wurde, nachdem eigenständige Magis- terstudiengänge für Pädagogik bereits zu Beginn der 1960er Jahre an Universitäten eingerichtet worden waren (Rauschenbach 1994, 276). Die Etablierung dieses neuen Studienganges, der ne- ben einem erziehungswissenschaftlichen Grund- lagenstudium ein wahlobligatorisches Studium in den Studienrichtungen Schulpädagogik, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Bildungsökonomie, -planung und -politik, Erwachsenenbildung, Vor- schulpädagogik, Sozialpädagogik und Sonderpäd agogik vorsah, führte dann in der Folgezeit zur oft erstmaligen Einrichtung von Lehrstühlen für ei- nige dieser Schwerpunktprofile. Dies gilt insbeson- dere auch für den Bereich der Sozialpädagogik, die sich seitdem als wichtige erziehungswissenschaftli- che Teildisziplin an den Universitäten und pädago- gischen Hochschulen etablierte. Mit der Verwissenschaftlichung der LehrerInnen- ausbildung und der Einführung erziehungswissen- schaftlicher Hauptfachstudiengänge geht auch ein Veränderungsprozess des Selbstverständnisses der Erziehungswissenschaft einher. Das bis Mitte der 1960er Jahre noch dominante Paradigma der Geis- teswissenschaftlichen Pädagogik wurde von empi- risch orientierten bzw. ideologiekritischen Formen des Denkens über Erziehung abgelöst, mit denen die Pädagogik als Wissenschaft auf die Herausfor- derungen reagierte, die von einer expansiven Bil- dungsreformpolitik und von der Studentenbewe- gung ausgingen. Im Verlaufe der 1960er und 1970er Jahre verbesserten sich auch die Bedingun- gen für die Forschung im Fach Erziehungswissen- schaft in Westdeutschland nicht nur durch die Ausweitung des Personals an Hochschulen, sondern vor allem durch die Expansion außeruniversitärer Forschungseinrichtungen, die sich mit Fragestel- lungen der Bildungsreform oder der Jugendhilfere- form befassten. Hier sind für den Bereich der schu- lischen Bildungsforschung das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, für den Bereich der außerschulischen, sozialpädagogischen Bil- dungsforschung das Deutsche Jugendinstitut in München zu nennen, das sich mit Fragen anwen- dungsorientierter Grundlagenforschung im Spek- trum von Jugendhilfe-, Jugend- und Familienfor- schung beschäftigt (Krüger 2006c, 324). Auf der Ebene der institutionellen Strukturen voll- zogen sich in der Erziehungswissenschaft in der DDR seit den 1960er Jahren teilweise ähnliche Ent- wicklungstendenzen. So kam es 1968 zur Aufwer- tung der Pädagogischen Hochschulen, indem sie ein Graduierungsrecht erhielten. Außerdem wurden in den 1960er Jahren neben der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften auch weitere For- schungsinstitute, z.B. für Jugendforschung oder Hochschulforschung, etabliert. Neben der Ausbil- dung von Diplom-LehrerInnen für die Polytech- nische und Erweiterte Oberschule an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten wurden seit den späten 1960er Jahren an einigen Hochschulen auch postgraduale, sozialpädagogisch orientierte Diplom- studiengänge, z.B. für HeimerzieherInnen, Pionier- leiterInnen, oder die ErzieherInnenausbildung ein- gerichtet, die jedoch in den Studieninhalten und der Studiendauer nicht mit dem westdeutschen Di- plompädagogikstudiengang vergleichbar waren und die auch nicht zu einer analogen Ausdifferenzierung des Faches Erziehungswissenschaft führten (Krü- ger/Marotzki 1994). Außerdem war die gesell- schaftliche Funktion des Faches Erziehungswissen- schaft in der DDR eine andere. Spätestens nach der noch offen ausgetragenen pädagogischen Revisionis- musdebatte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde der erziehungswissenschaftliche Diskurs in den monopolartigen Geltungsanspruch einer sowje- tisch geprägten marxistisch-leninistischen Philoso- phie fest eingebunden. Letztlich ohne Autonomie- ansprüche bewegte sich die Disziplin zwischen Forschung und Professionsausbildung, Praxisbera- tung und Politik, Ideologieproduktion und Legiti- mationsbeschaffung (Tenorth 2006, 166).
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=