Handbuch 5. Auflage

Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 607 der Herstellung von Produkten und fundieren so die Wertsteigerung der produzierten Gegenstände. Zu Waren werden die Produkte dann, wenn sie auf dem Markt anderen attraktiv erscheinen, einen Ge- brauchswert dokumentierten und deswegen gekauft werden. Der gegenüber dem unbehandelten Ur- sprungsgegenstand über denWert derWaren erzielte Mehrwert wird nun jedoch nicht den ProduzentIn- nen übereignet. Die Wertsteigerung der Gegen- stände durch entäußerte Arbeitskraft und die hierü- ber ergebene Produktivkraftsteigerung schlägt sich nach der marxistischen Theorie der Ökonomie also nicht äquivalent in einer dem Wert dieser Leistung entsprechenden Entlohnung nieder, sondern wird privat von den Eigentümern der Produktionsstätten angeeignet und damit den ProduzentInnen vorent- halten (Marx 1867 [1974a], 56ff.). Die beständige Erweiterung der Produktivkräfte, also die Steigerung der instrumentellen Intelligenz der Menschen be- züglich der Naturbearbeitung, führt zu einer andau- ernden Veränderung hinsichtlich der Produktions- prozesse und schließlich der Gesamtgesellschaft, denn die kontinuierliche Produktivkraftentfaltung der menschlichen Arbeitskraft bedingt eine progres- siv dynamisierende, sich fortwährend erneuerte so- ziale Organisation der Produktion, Konsumtion und Parzellierung von Gütern. Die Struktur der Produktionsverhältnisse und die hierüber realisierten, spezifischen Formen der Ar- beitsteilung strukturieren den marxistischen Ana- lysen nach neben dem Feld der Ökonomie auch die soziale Positionierung der Menschen innerhalb einer Gesellschaft und ihr Verhältnis untereinander. Die menschliche Arbeitskraft, die sozialen Beziehungs- formen und natürlichen Gegenstände degenerieren zur Ware. „Die Arbeit“, so führt K. Marx (1974b, 511) in den „Ökonomisch-philosophischen Manu- skripten“ aus, „produziert nicht nur Waren, sie pro- duziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware“ und entfremdet hierüber die Menschen erstens zum Produkt ihrer Arbeit, zweitens zu den Akten der Produktion, drittens zu anderen Menschen, da diese dem einzelnen Menschen nur noch als in Sachen vergegenständliche Wesen gegenübertreten, sowie viertens zu sich selbst, da er sich selbst „nur noch als Produkt seiner Arbeit“ (Marx 1974b, 519) und ver- gegenständlicht in Waren sieht. Gesellschaftliche Veränderungen und Modernisie- rungen können nach der klassischen, marxistischen Lesart lediglich als zunehmende Kommodifizie- rung aller menschlichen Lebensbereiche verstanden werden. Die kontinuierlich sich fortschreibende Form der privaten Aneignung von gemeinschaft- lich produzierten Werten durch wenige Akkumu- lateure modernisiert und verallgemeinert zwar frü- here, ständisch strukturierte Varianten der privaten Waren- und Kapitalakkumulation, fundiert aber zugleich auch die Spaltung der Gesellschaft in eine Klasse der Produzierenden und eine kleine Klasse der akkumulierenden Produktionsmittelbesitze- rInnen. In der traditionell-marxistischen Theorie wird vor diesem Hintergrund von sozialen Klassen (Marx / Engels 1848) ausgegangen, die zudem als historische Träger der menschlichen Geschichts- entwicklung identifiziert werden. Eine durch diese Perspektive inspirierte Gesellschaftsdiagnose sieht die bürgerliche Gesellschaft insbesondere durch zwei heterogene Sozialgruppen strukturiert und ordnet sie je nach ihrer Position im Produktions- prozess und ihrer Stellung zu den Produktionsmit- teln einer spezifischen Klasse zu. Die Herausbildung der kapitalistischen Wirtschafts- ordnung stellt aus marxistischer Perspektive einen unverzichtbaren Prozess in Bezug auf die Entfaltung der menschlichen Produktivkräfte sowie der gesamt- gesellschaftlichen Geschichtsentwicklung dar. Die damit verbundenen Profitmaximierungs-, Beschleu- nigungs- und Globalisierungstendenzen und deren Verstetigungen provozieren allerdings systemspezi- fische Pathologien, die erst mit der Überwindung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und der Er- richtung einer kommunistischen Gegengesellschaft durch die proletarische Klasse überwunden werden können (Marx/Engels 1848). Der objektiv ergebene Widerspruch zwischen den beiden Klassen und die Hegemonie der bürgerlichen Klasse wird zu dem Zeitpunkt, wo sich die proletarische Klasse ihrer subalternen Position bewusst wird, zu einem offenen Kampf um die gesellschaftliche Macht führen. Die hohe strukturelle Differenziertheit und Komplexität moderner Gesellschaften, so wird kritisch gegen die klassischen Analysen argumentiert, wird in diesem Theoriemodell bürgerlicher Gesellschaften aller- dings ebenso wenig reflektiert wie das sich darüber begründende Revolutionsmodell, wonach die zur abstrakten Arbeit deformierte konkrete Arbeit sich lediglich aus dem Vergesellschaftungsprozess zu lö- sen hätte, um in einem triumphalen Prozess das „Reich der Freiheit“ über das „Reich der Notwen- digkeit“ siegen zu sehen (u.a. Habermas 1981). Ins-

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=