Handbuch 5. Auflage
608 Thole · Hunold besondere die Kritik an der urmarxistischen Revolu- tionsromantik motivierte Andre Gorz (1980) zu seiner These vom „Abschied vom Proletariat“ und zu der Annahme, dass die antizipierte „Übernahme der Staatsmacht durch die Arbeiterklasse in Wirk- lichkeit zur Übernahme der Arbeiterklasse durch die Staatsmacht“ (Gorz 1980, 33) führt. Tatsächlich findet die marxistische Emanzipationstheorie, wo- nach die lohnabhängig Beschäftigten lediglich den Sprung von einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“ zu realisieren hätten, um über das damit freigesetzte gesellschaftspolitische Engagement eine neue Gesellschaft zu schaffen, seit gut zwei Dekaden weder wissenschaftliche Akzeptanz noch kann sie belastbare Befunde für sich reklamieren. Die Vielfach herausgestellte ökonomistische Grund- tendenz in der von K. Marx und F. Engels vorgeleg- ten Gesellschaftsanalyse findet sich prominent zu- letzt insbesondere in den Arbeiten von Pierre Bourdieu kritisiert und produktiv reflektiert. Der marxschen Klassentheorie eine „Unfähigkeit, den objektiv feststellbaren Differenzen in ihrer Gesamt- heit gerecht zu werden“ attestierend, weil „sie die soziale Welt auf das Feld des Ökonomischen redu- ziert“ und sie damit „die soziale Position zwangsläu- fig nur noch unter Bezugnahme auf die Stellung in- nerhalb der ökonomischen Produktionsverhältnisse zu bestimmen vermag“ und damit das Kulturelle ausblendet (Bourdieu 1985, 31), entwirft er ein mehrdimensional ausgerichtetes, tendenziell milieu- orientiertes Modell der Entstehung und Etablierung von sozialen Klassen in hochentwickelten Gesell- schaften. In Differenz zur marxistischen Ursprungs- idee unterscheidet P. Bourdieu den Kapitalbegriff in verschiedene Kapitalarten. Neben dem ökonomi- schen Kapital platziert er das kulturelle und soziale Kapital (Bourdieu 1985; 2005). Das kulturelle Ka- pital differenziert P. Bourdieu in inkorporiertes, ob- jektiviertes und institutionalisiertes Kapital. Inkor- poriertes Kulturkapital meint Bildung, welche langfristig in Erziehungs-, und Bildungseinrichtun- gen sowie innerhalb der Familie alsWissen erworben wird. Objektiviertes Kulturkapital beschreibt den Besitz von kulturellen Gütern, beispielsweise Musik- instrumenten und Literatur, und kann nur in Zu- sammenhang mit inkorporiertem Kulturkapital be- deutsam werden, da der Gebrauch dieser Objekte Bildung undWissen voraussetzt. Institutionalisiertes Kulturkapital meint Titel und Bildungspatente, die dauerhafte Gültigkeit und damit einen gesellschaft- lich und rechtlich anerkannten Wert besitzen. Unter soziales Kapital fasst er die „Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Burzan 2005, 139), soziale Netzwerke und Beziehungen, die um bestimmte Ziele zu erreichen von Vorteil sein können. Nach P. Bourdieu ist die Position, die ein Indivi- duum im sozialen Raum der gesellschaftlichen Klas- senstruktur einnimmt, abhängig von dem Volumen des Kapitals und den zeitlichen Faktoren, über die die einzelnen Menschen als Ressourcen verfügen können. Jedoch erst die sich hierüber artikulie- renden Lebensstile und die ausgeprägten Hand- lungsweisen in den sozialen Praxen lassen Klas- senunterschiede offensichtlich werden. Soziale Klassen und Lagen im gesellschaftlichen Raum bleiben eine theoretische Konstruktion „solange Unterschiede der Kapitalausstattung und der mate- riellen Existenzbedingungen sich nicht in der Le- bensführung äußern und daher nicht wahrgenom- men werden“ (Krais/Gebauer 2002, 36). Die sich über den Rückgriff auf und die Verfügbarkeit über die ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapita- lien manifestierende individuelle menschliche Dis- position fasst P. Bourdieu in dem Begriff Habitus. Der Habitus ist demzufolge ein Resultat der gegebe- nen und erlebten gesellschaftlichen Verhältnisse, die inkorporierte, zur Natur gewordene Spiegelung von Traditionen und Erfahrungen. Im Habitus einge- woben finden sich zudem die angeeigneten Formen der gesellschaftlichen Wahrnehmung, Sicht- und Denkweisen, der gesellschaftlichen Handlungs-, Ur- teils- und Bewertungsschemata. Im Habitus mani- festiert sich nach P. Bourdieu die verinnerlichte Formgestalt, Präsenz und Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Gruppe, er befähigt das Subjekt in jeg- lichem Kontext und jeder Situation zu reagieren, ohne dass das einzelne Subjekt sich dabei über die Entstehung des Habitus noch über seine Existenz bewusst ist. Diesem Verständnis nach ist der Habi- tus ein in den Körper eingeschriebenes „Curricu- lum (…), das weitgehend die kulturellen und sym- bolischen Praktiken der herrschenden Klasse präferiert“, also eine Art „gruppenspezifische Form der kollektiven Identitätsbildung und Selbstlegiti- mierung“ (Miller 1989, 198 ff.). Mit Hinweis auf P. Bourdieu liegt eine theoretische Folie vor, die, ohne die Erträge der urmarxistischen Gesellschaftsanalyse vollständig zu ignorieren, verstehen lässt, wie trotz des Ausdünnens von klas-
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