Handbuch 5. Auflage

Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 609 senspezifischen Deutungsmustern, Prozessen der Enttraditionalisierung und Pluralisierung von Lebensweisen und -stilen, soziale Ungleichheiten in modernen, komplexen Gesellschaften entste- hen, wie die Position der Menschen sich im ge- sellschaftlich-sozialen Raum herstellt und dass der gesellschaftliche Ort nicht unabhängig von der Stellung zu den Produktionsverhältnissen bestimmt werden kann. Die Stellung der Menschen zu den Produktionsmitteln, wie noch von K. Marx und F. Engels angenommen, entscheidet nicht mehr aus- schließlich über die Position in der Gesellschaft und konstituiert nicht mehr alleine die gegebenen „sozialen Unterschiede, die das Funktionieren der Gesellschaft, das Auftreten historischer Akteure oder die Vorstellungskraft der Alltagskultur be- stimmen. Vielmehr ist die lebensweltliche Hand- lungswirklichkeit geprägt von einem ‚komplexen Mischungsverhältnis‘ klassenspezifischer, milieu- spezifischer und atomisierter Erscheinungsformen der Ungleichheit“ (Berger /Vester 1998, 14; auch Bourdieu 1997; Kreckel 1998). Unabhängig von den Überlegungen von P. Bour- dieu und ausgehend von der Diagnose eines ten- denziellen Wandels von der „Reichtums-“ in eine „Risikogesellschaft“ und eines grundlegenden kul- turellen Freisetzungsprozesses, der die Individuen von ihren traditionellen Lebenslagen und -weisen weitgehend entkoppelt und individualisierte Wege durch das Leben ermöglicht, Lebensläufe quasi biographisiert werden und die Einzelnen selbst zu KonstrukteurInnen des Sozialen werden, findet sich die marxistische in den modernisie- rungstheoretischen Gesellschaftsanalysen neu akzentuiert. Im Zuge der gesellschaftlichen Trans- formationsprozesse der Industriegesellschaft arti­ kulieren sich dieser Analyse zufolge Ungleich- heitsfragen nicht mehr durchgängig als Klassenfragen. Erwerbslosigkeit ebenso wie an- dere Problemlagen generalisierten und normali- sierten sich und scheinen „in ihrer Verteilung als lebensphasenspezifisches Einzelschicksal kein Klassen- oder Randgruppenschicksal mehr“ (Beck 1986, 148) zu sein. Die hieran anknüpfende These der Entgrenzung sozialer Probleme, die Ulrich Beck in der Formulierung „Not ist hierar- chisch, Smog ist demokratisch“ (Beck 1986, 48) zuspitzt, wird inzwischen in einer Reihe von Stu- dien aufgegriffen und findet beispielsweise Ein- gang in der Figur der räumlichen und sozialen Entgrenzung von Problem- und Risikolagen (Ber- ger 1996; Leibfried et al. 1995), worüber dann die Strukturierung sozialer Ungleichheiten aller- dings anhand horizontaler Merkmale vorzuneh- men ist. Identifizieren P. Bourdieu und U. Beck über die so- ziale Struktur der Gesellschaft die Einbindung der Subjekte in die Gesellschaft, sucht Michel Foucault (1978; 1991) über die Beobachtung der systemi- schen Funktionsweisen der Überwachung, Diszi­ plinierung und Beeinflussung einer Gesellschaft mittels Erziehung, Prävention, Beratung, Therapie und beispielsweise Politik nach den spezifischen Formen der Konstituierung von Subjektivität. Er versucht demnach zu klären, „wie die Machtverhält- nisse in die Tiefe der Körper materiell eindringen können, ohne von der Vorstellung der Subjekte übernommen zu werden“, auch um darüber zu klä- ren, „wie der Staat funktioniert“ (Foucault 1978, 109f.). Für M. Foucault realisiert sich die mensch- liche Existenz in einem Möglichkeitsraum, in der die Macht omnipräsent ist, aber weitgehend subtil bleibt. Die Subjektbildung unterliegt einer spezi- fischen Vergesellschaftung im Kontext der von den gesellschaftlichen Institutionen hervorgebrachten Normalisierungs-, Disziplinierungs- und Kontroll- techniken. Zur Aufhellung dieser Praktiken und zur Lokalisierung der Dispositive, die im Rücken der Subjekte und von diesen nicht wahrgenommen zum Gleichklang mit dem gesellschaftlichen Mainstream motivieren, operiert M. Foucault mit der von ihm entwickelten kritischen, genealogischen Diskursana- lyse. Mittels der Diskursanalyse, die mehr sein möchte als ein hermeneutisches Verfahren, sondern die Kausalitäten und Hintergründe der gesellschaft- lichen Transformationen im geschichtlichen Verlauf zu verdeutlichen sucht (Sarasin 2008, 15), sollen die Produktions- und Reproduktionsweisen systemisch- normierter Macht- undWissensmuster, die Gouver- nementalitätspraktiken einer Gesellschaft sowie in diesem Kontext die Formen der Herstellung des staatlichen Regierens, Überwachens und Kontrollie- rens analysiert werden. Sowohl die Gesellschaftstheorien von P. Bourdieu als auch die von U. Beck und M. Foucault sind im Kontrast zu der gegenwärtig ebenfalls hoch gehan- delten Systemtheorie noch deutlich durchstrahlt von der marxistischen Theorietradition. System- theoretische Analysen, die an das struktural-positi- vistische Soziologiekonzept von Émile Durkheim

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