Handbuch 5. Auflage
610 Thole · Hunold (Koenig 2008) mehr oder weniger anknüpfen, sehen die Gesellschaft nicht klassenspezifisch, son- dern als ein Geflecht von funktional ausdifferen- zierten Bereichen strukturiert. Systemtheoretische Ansätze folgen der Annahme, dass sich moderne Gesellschaften in verschiedenste Systeme ausdiffe- renzieren und diese in unterschiedlicher Intensität autonom gegenüber anderen Systemen agieren. Den einzelnen Systemen, beispielsweise der Politik, Ökonomie, Wissenschaft, Religion oder dem Recht, wird eine eigenständige Ordnung und Lo- gik attestiert (Luhmann 1972; 1984). Generell ist dabei zwischen Interaktionssystemen, Organisati- onssystemen, Gesellschaftssystemen und sozialen Bewegungen zu unterscheiden. Die einzelnen Sys- teme einer Gesellschaft entwickeln ein potenzielles Eigenleben und erweisen sich als autopoetische und in sich operativ geschlossene Teilsysteme, die sie befähigen, die jeweils besonderen Problemati- ken und Obliegenheiten der Gesamtgesellschaft zu bearbeiten. Jedes Funktionssystem hebt sich nach Niklas Luhmann von seiner gesellschaftlichen Um- welt durch eine dem System eigene, feststehende Kommunikation ab, entwickelt eine bestimmte Programmatik und bildet durch eine spezifisch in- nere Ordnung eine Grenze gegenüber äußeren Sphären und anderen gesellschaftlichen Teilsyste- men (Luhmann 1972). Die Reproduktion der so- zialen Systeme wird ausschließlich durch eine sub- systemspezifische Kommunikation gewährleistet und etabliert. Die Erträge und Wissensbestände, die die im Kern relativ disparat angelegten strukturalistischen Beob- achtungen der Gesellschaft der Sozialen Arbeit zur kritischen Rezeption und Reflexion anbieten, sind vielfältig und präsentieren Antworten auf Fragen der Existenz und Reproduktion der kulturellen, sozialen und ökonomisch-monetären Ungleichheit in mo- dernen Gesellschaften. Zudem liegt über P. Bourdieu ein Bild von der inneren Verstrickung der Subjekte mit der Gesellschaft vor, das die habituellen Disposi- tionen, Deutungs- und Handlungsmuster auch als Resultat der gesellschaftlichen Verhältnisse ansieht. Mit Blick auf systemtheoretische Analysen liegt da- rüber hinaus ein Entwurf vor, der den gesellschaftli- chen Ausdifferenzierungsprozess beschreibt und eine Idee dafür bereithält, wie sich die Soziale Arbeit zu einem eigenständigen gesellschaftlichen Handlungs- feld entwickeln konnte. Die hier vorgestellten strukturalistischen Gesell- schaftstheorien präsentieren der Sozialen Arbeit somit Wissen bezüglich der gesellschaftlichen Aus- differenzierungsprozesse, der sozialen Spaltungen, Segregationen und der Herstellung von Ungleich- heiten sowie von herkunfts- und von milieuspezi- fischen Positionierungen der Menschen. Zudem werden Theoriemodelle bereit gestellt, die die ge- sellschaftsstrukturellen Machtkonstellationen und Herrschaftszusammenhänge in den Blick nehmen und darüber ermöglichen, die Genese und Tradie- rung von Machtkonstellationen sowie die Partizi- pationsoptionen und -grenzen von Menschen an den vorhandenen gesellschaftlichen Ressourcen in modernen Gesellschaften zu verstehen. Sigmund Freud weiter gedacht – Gesellschaftstheorie aus Perspektive des Subjekts Das Subjekt wird in den klassischen Gesellschafts- theorien nicht als Ort der Konstituierung von Ge- sellschaft vorgestellt, allenfalls vielleicht noch als Objekt gesellschaftlicher Bestimmungen und Be- gierden erkannt. Diese theoretische Perspektive präferiert eine Sichtweise, die keine Alternative zu der Annahme bereit hält, dass die Rede von der Handlungsautonomie des Menschen eine Schimäre ist, da die Subjekte aufgrund der objektiv gegebe- nen Möglichkeiten lediglich ein willfähiges, von den objektiven Verhältnissen gesteuertes Leben realisieren können. Die Hinweise in dem voran- gehenden Abschnitt liefern sicherlich starke Argu- mente für die Vermutung, dass die Lebensgestal- tungsmöglichkeiten der Menschen auch, wenn nicht sogar ausschließlich von den jeweils gegebe- nen Vergesellschaftungsmechanismen bestimmt werden. Offen und unaufgeklärt bleibt in dieser Perspektive jedoch, wie das gesellschaftlich Objek- tive zum Bestandteil des Subjektiven wird – mit anderen Worten: Wie pflanzt sich die Gesellschaft in die Subjektivität der Menschen. Eine gegenwär- tig wieder aktuelle Frage, deren Klärung sich neben der klassischen Entwicklungspsychologie, der An- thropologie und der Sozialisationsforschung in- zwischen auch die Neurowissenschaften und die Hirnforschung widmen. Hier soll es jedoch nicht darum gehen, das über die jüngsten Forschungen generierte Wissen gesellschaftstheoretisch zu rein- terpretieren. Intention ist vielmehr, daran zu er-
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