Handbuch 5. Auflage

62 Krüger  Die aktuelle Struktur des Faches Erziehungswissenschaft In Westdeutschland stellt sich die Erziehungswis- senschaft seit den 1970er Jahren als ein Fach dar, das durch eine Pluralität von wissenschaftlichen Konzepten und methodischen Ansätzen sowie eine erfahrungswissenschaftliche Komponente gekenn- zeichnet ist und sich in Reaktion auf den Expansi- ons- und Ausdifferenzierungsprozess pädagogischer Berufs- und Arbeitsfelder auch in eine Vielzahl von Teildisziplinen und Fachrichtungen ausgefächert hat. Die in Abb. 1 vorgelegte Strukturskizze unter- scheidet zum einen Elemente der Fachstruktur, die relativ stabil sind, und zum anderen solche, die eher auf aktuelle Fragestellungen bezogen sind. Dabei lassen sich zwei Ebenen unterscheiden. Die erste Ebene ist die der Subdisziplinen. Etablierte Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft sind zum einen die Systematische, die Historische und die Vergleichende Pädagogik, die dem Bereich der Allgemeinen Pädagogik zugeordnet werden kön- nen. Diese setzen sich mit theoretischen und me- thodologischen Grundlagenfragen sowie der Pro- blemgeschichte und dem internationalen Vergleich von Erziehungswissenschaft bzw. von Erziehungs- und Bildungsprozessen in der erziehungswissen- schaftlichen Forschung und Lehre auseinander. Zum anderen kann man davon eine zweite Gruppe von etablierten Subdisziplinen absetzen, wie die Schulpädagogik, die Berufs- und Wirtschaftspäd­ agogik, die Erwachsenenbildung, die Sonder- und die Sozialpädagogik, die auf Grund ihres konkreten Arbeitsfeld- und Berufsbezugs unter dem Ober- begriff Spezielle Pädagogiken zusammengefasst werden können. Diese Subdisziplinen sind Fach- elemente, die seit einigen Jahrzehnten bestehen, verfügen an den Hochschulen häufig über eigene Institute, Professuren und Studiengänge und zum Teil auch über eigene wissenschaftliche Gesell- schaften. Die Teildisziplin der Sozialpädagogik ver- dankt ebenso wie die der Erwachsenenbildung ih- ren Institutionalisierungs- und Expansionsschub vor allem der Einführung des erziehungswissen- schaftlichen Diplomstudienganges seit den 1970er Jahren. Diese erziehungswissenschaftliche Subdis- ziplin, die vielleicht besser noch mit dem neueren Begriff der „Sozialen Arbeit“ charakterisiert werden kann, da sich ihr Aufgabenfeld sowohl aus der Tra- dition der Sozialpädagogik als auch der Armenfür- sorge und Sozialarbeit ergibt (Sachße /Tennstedt 1991), beschäftigt sich mit außerfamilialer und außerschulischer Erziehung und Hilfen von der Beratung über die Jugendarbeit, die Heimerzie- hung und die Drogenarbeit bis hin zur Unterstüt- zung alter Menschen (Thiersch 1994, 137). Unterhalb der Ebene der Teildisziplinen gibt es nun Fachrichtungen, die als Spezialisierungsver- suche noch nicht den Charakter einer Subdisziplin erreicht haben, aber doch über einen klar abgrenz- baren Gegenstandsbereich verfügen, wie etwa die Interkulturelle Pädagogik, die Genderstudien oder Tab. 1:  Struktur der Erziehungswissenschaft Subdisziplinen (Auswahl) Allgemeine Pädagogik Systematische Pädagogik Historische Pädagogik Vergleichende Pädagogik Spezielle Pädagogiken Schulpädagogik Berufs- und Wirtschaftspädagogik Erwachsenenbildung Sozialpädagogik Sonderpädagogik Verwandte Disziplinen u. a.: Pädagogische Psychologie, Pädagogische Soziologie, Fachdidaktiken Fachrichtungen (Auswahl) Interkulturelle Pädagogik Genderstudien Medienpädagogik Betriebspädagogik Hochschulpädagogik Altenbildung Vorschulpädagogik Kulturpädagogik Ebene 1 Ebene 2

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