Handbuch 5. Auflage

Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 611 innern, dass auch eine subjekttheoretische Sicht gesellschaftstheoretisch angelegt sein kann. Die über Sigmund Freuds psychogenetischen Versuch des Verstehens der menschlichen Ontogenese an- geregten Überlegungen stellen einen solchen Ver- such dar (Görlich 1980). Im konkreten Lebensschicksal des konkreten Sub- jekts identifiziert S. Freud die Kulturgeschichte der Menschheit. Die Individuierung des Menschen vollzieht demnach die Menschwerdungsgeschichte im Schnelldurchgang. In der „Kulturismus-Revi- sionismusdebatte“ (u. a. Marcuse 1971; Fromm 1981) wird diese Interpretation aufgegriffen und gesellschaftstheoretisch in Bezug auf die Bestim- mung des Verhältnisses von Individuum und Ge- sellschaft kontrovers diskutiert, indem eine trieb- naturalistische gegen eine kulturell-soziologische Auslegung der psychoanalytischen Theorie gestellt wird. Für Erich Fromm ist die Freudsche Trieb- theorie, die Vorstellung vom Menschen als che- misch-physiologische Einheit und hier insbeson- dere das biologisch-genetisch fundierte Lust- versus Unlustprinzip, sowie die Freudsche Therapietech- nik modifizierungsnotwendig. Anstelle des Freud- schen Triebbegriffs setzt E. Fromm die Konzeption eines Sozialcharakters, der sowohl biologisch als auch gesellschaftlich determiniert ist. Dieses theo- retische Modell impliziert die Zurückweisung der Vorstellung einer naturalistischen Trieb-Modellie- rung. Herbert Marcuse hingegen hält demgegen- über an der Theorie der triebbiologischen Prägung des menschlichen Subjekts fest. Die menschliche Persönlichkeit ist für ihn bis in die tiefsten Struktu- ren hinein vorgeformt. S. Freuds Weigerung, „eine verdinglichte Gesellschaft als ein Netzwerk zwi- schenmenschlicher Erfahrungen und Verhaltens- weisen und ein entfremdetes Individuum als eine Gesamtpersönlichkeit zu behandeln, entspricht der Realität“ (Marcuse 1971, 250). Theodor W. Adorno (1973; 1979) stützt diese Interpretation und sieht ebenfalls in der Triebdynamik die Grund- figuration psychoanalytischer Theorie. Belassen es E. Fromm und H. Marcuse dabei, ihre jeweils eigene Position gegen die jeweils andere zu propagieren, ohne eine produktive Aufhellung zu initiieren, so bietet Alfred Lorenzer (1972; 1977; 1981) Vermittlung an. Mit H. Marcuse bestimmt er die Triebdynamik als die zentrale Aussage psy- choanalytischer Theorie, ohne dieser jedoch eine biologistische, ahistorische Natur zuzuschreiben. Für A. Lorenzer, und hier greift er E. Fromms Ge- danken auf, steht die Genese menschlicher Sub- jektivität von Anbeginn in dem ambivalenten Spannungsfeld zwischen Individualität und Gesell- schaft. Zu entwickeln ist ein Modell, das den Kern der Persönlichkeit als triebbestimmten fasst und das Wesen des Menschen als Ganzes als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse begreift (Loren- zer 1972). Aufgabe einer kritischen Sozialisations- theorie ist es demnach, „innerhalb der bereichs- eigenenLogikdes besonderenProduktionsbereiches Sozialisation nachzuweisen, dass die Individuen mehr sind als ‚Abziehbilder‘ der Objektivität, als Personifikation ökonomischer Kategorien, obwohl, wenn sie sich irgend im ökonomischen Ganzen ‚ra- tional‘ verhalten, sie zugleich Träger der gesell- schaftlichen Bestimmungen sind, die sie prägen“ (Trescher 1979, 93). A. Lorenzer löst diese Anfor- derung in seiner materialistischen, psychoanalyti- schen Sozialisationstheorie darüber, dass er davon ausgeht, dass im Verlauf des Sozialisationsprozesses die Subjekte von Geburt an ihre Fähigkeiten über unbewusste, unkontrollierte und später dann über bewusste und gesteuerte Interaktionen mit der Umwelt und Personen entwickeln und sich das Erlebte als Erfahrung in Gestalt von Interaktions- formen in die Körper einschreibt, also Erfahrungen sich in den Körpern als Denk- und Handlungs- schemata speichern. Interaktionsformen benennen demnach erstens den konkreten Herstellungspro- zess von Denk-, Gefühls- und Kommunikations- formen und zweitens das Festsetzen dieser Prozesse als Struktur im Subjekt. Der Begriff fasst somit so- wohl die Aktion von Interaktionen als auch deren Niederschlag in Form von Figuren im Subjekt. In- teraktionsformen sind damit mehr als nur das Er- gebnis einer handlungstheoretischen Reformulie- rung psychoanalytischer Theorie, sondern „in einen über die Psychoanalyse hinausreichenden Theorierahmen verwurzelt, der die Vermittlung von Psychoanalyse mit konkreter Gesellschafts- theorie herstellt. Nur da, wo individuelle Struktur in ihrer objektiven Bedingtheit gesehen und im ob- jektiven Bildungszusammenhang begriffen werden soll, wird der Begriff ‚Interaktionsformen‘ unerläss- lich“ (Lorenzer 1977, 207). Über die Einführung der Kategorie Interaktions- form wird es möglich, den menschlichen Indivi- duationsprozess als einen zwischen innerer und äußerer Natur und damit auch als ein Resultat

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