Handbuch 5. Auflage
612 Thole · Hunold gesellschaftlicher Formung zu verstehen. Die Psy- choanalyse kann so als ein „Resultat der Vermitt- lung von Natur und gesellschaftlicher Praxis“ (Lorenzer 1972, 130) verstanden werden, die nicht bei allen Menschen gleich verläuft. Interaktionen schlagen sich nicht universell auf der individuellen Oberflächenstruktur nieder, sondern bilden in sukzessiver Verfeinerung basale, individuelle Struk- turen aus, die bestimmten, subjektiv spezifischen Interaktionsformen. Neuere entwicklungspsycho- logische und neurophysiologische Studien fundie- ren diese theoretische Annahme empirisch, weisen sie doch darauf hin, dass Erlebnisse und Erfahrun- gen im Gehirn identifizierbare Spuren hinterlassen (Singer 2002; Roth 2007). A. Lorenzer geht davon aus, dass es in der frühen Kindheit zuerst zur Herausbildung von Praxis- figuren, die sich als sinnlich-symbolische Inter- aktionsform niederschlagen, kommt, sich darauf aufbauend ein System von dauerhaften Sprach- symbolen für die reale Objektwelt, also von sprachlichen Interaktionsformen, etabliert. Sozia- lisation stellt sich so als ein Prozess vor, in dem über die Ausdifferenzierung von Selbst- und Ob- jektrepräsentanten im Rahmen der sinnlich-sym- bolischen und sprachlich-symbolischen Inter- aktion sukzessive raumzeitliche und kausale Wahrnehmungskompetenzen aufgebaut und diese als strukturierte Erfahrungen in Gestalt von Inter- aktionsformen und -figuren manifestiert werden. Dieser harmonische Prozess kann allerdings auch gestört, zerrissen und disharmonisch verlaufen oder nicht die Qualität, die zur Bildung von be- stimmten Interaktionsformen notwendig ist, er- reichen. A. Lorenzer (1972, 265) nennt zwei un- terschiedliche Interaktionssituationen, die zur Bildung von inkonsistenten, also gestörten Inter- aktionsfiguren führen: Einerseits können sie Re- sultat widerspruchsvoller Erfahrungen in ver- schiedenen Situationen, also Folge von nicht zu synthetisierenden Interaktionspraxen, anderer- seits können inkonsistente Interaktionsformen Folge einer kontroversen Interaktionspraxis in ei- ner Situation sein – konkreter: Vermag ein Indivi- duum beispielsweise in seiner Ontogenese die vielförmigen Elemente seiner individuellen Praxis nicht mehr zu synthetisieren, brechen Sprachfigur und vorsprachliche Interaktionsformen beispiels- weise auseinander, so kann der frühkindliche Ent- wicklungsprozess an diesem Punkt einer entschei- denden Störung ausgesetzt sein. Das darüber gegebene Auseinanderklaffen von sinnlicher Praxis, Bewusstsein und vorsprachlichen Mustern kann zu Desymbolisierungen führen, die den Sprachaufbau blockieren können (Lorenzer 1981, 98 f.). Die Genese menschlicher Subjektivität vollzieht sich, wird A. Lorenzer gefolgt, als eine individuell verschiedene, aber keineswegs als ein von den ge- sellschaftlichen Verkehrsformen unabhängiger Pro- zess. Sozialisation unter dem die industriellen Ge- sellschaften prägenden zweckrationalen Duktus, der Warenzirkulation und Warenrealisation be- inhaltet, wird der hier vorgenommenen Analyse gefolgt, neben dem Aufbau von Subjektivität im- mer zugleich auch eine Negierung von Ich-Auto- nomie, heißt Anpassung an technische, rational kalte, systemische Verkehrsformen, also Verhin- derung der Entfaltung innerer Natur. Sozialisation realisiert sich somit „nicht als Subjektivierung, sondern als blinde Vergesellschaftung. (…) Ver- dinglichung ist zum Merkmal subjektiver Struktur geworden. Damit haben wir subjektive Struktur negativ bestimmt, als noch nicht seiende, als un- wahre: Die hier und heute mögliche Form der Sub- jektivität ist das Produkt beschädigter Herstellung. Sie realisiert sich als Aufbau und Zerstörung von Subjektivität bis in ihre Strukturelemente hinein.“ (Trescher 1979, 67) Über dieses gesellschaftstheoretisch abgefederte Modell der Sozialisation und Entwicklung von Subjektivität, die implizit eine Theorie der Gesell- schaft aus Perspektive des Subjektes darstellt, wird es möglich, Individuation als einen gesellschaftli- chen Prozess zu denken. Die Entwicklung von Subjektivität ist dem hier referierten Theoriemo- dell zufolge kein von den Verdinglichungs- und Vergesellschaftungsmodalitäten unabhängiger Vor- gang und auch nicht als Prozess zu verstehen, in dem sich gesellschaftliche neben den biologischen Strukturen in die Körper einschreiben. Die He- rausbildung und Etablierung von Denk- und Handlungsmustern, von Sprach- und Symbolisie- rungsformen wird wesentlich von den gesellschaft- lichen Strukturen mit gestaltet und in die biolo- gisch gegebene Subjektivität eingewoben. Der Sozialen Arbeit wird damit ein Theoriemodell an- geboten, das dazu beitragen kann, die komplexe und komplizierte Modulation von Subjektivität im Spannungsfeld von Gesellschaft und genetischer Disposition zu begreifen. Das Verstehen beispiels-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=