Handbuch 5. Auflage

Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 613 weise von Konstruktionen von Subjektivität und individuellen Deutungsmustern sozialer Wirklich- keiten sowie von sozialen Platzierungen, Motiva- tionen und Bedingungen menschlichen Verhaltens wird so möglich. Jürgen Habermas und andere – handlungstheoretische Blicke auf Gesellschaft Für die Nachzeichnung differenter Sichtweisen und theoretischer Konzeptionen von Gesellschaft fehlt nach der Präsentation von strukturellen Per- spektiven und einem Modell, das vom Subjekt aus- geht, noch eine theoretische Folie, welche zwischen diesen beiden Perspektiven quasi vermittelt, sich als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft platziert und über diese Zwischenstellung eine Vor- stellung von Gesellschaft entwickelt. Naheliegend ist, dieses Modell in handlungs- und interaktions- theoretischen Überlegungen zu suchen und Theo- retiker zu kontaktieren, die sich den Welten, den Räumen und Feldern zwischen Gesellschaft und Individuum zuwenden, also etwa Alfred Schütz (1981) und seiner Theorie der Lebensformen, Er- ving Goffmann (1974) und seinen Interaktions- und Kommunikationsanalysen oder George Her- bert Meads (1968) Rekonstruktionen personaler Beziehungen und Rollen. Hier soll jedoch Jürgen Habermas (1981) herangezogen werden, auch weil er das Feld zwischen Individuum und Gesellschaft über den Begriff der Lebenswelt interaktions- wie auch gesellschaftstheoretisch, zur Seite des Subjekts wie zur Seite der Gesellschaft hin, wie zu zeigen sein wird, zu beschreiben sucht. Der Lebensweltbegriff geht auf die Phänomenolo- gie Edmund Husserls (1962) zurück. Während es E. Husserl darum geht, die allgemeinen, unwandel- baren Grundstrukturen, das „Reich ursprünglicher Evidenzen“, dem Apriori der Geschichte im Zuge einer umfassenden transzendentalen Epoche nach- zuspüren, entfaltete nach ihm A. Schütz (1981) eine auf den Begriff Lebenswelt gründende Grund- lagentheorie, eine „Universalmatrix für die Sozial- wissenschaften“ (Hitzler /Honer 1984, 59). In sei- nen Arbeiten versuchte A. Schütz die Sozialwelt so zu erklären, wie das subjektive Erkennen sich diese erarbeitet. Anders formuliert: Erkennen auf der Basis einer phänomenologischen Definition von Lebenswelt impliziert eine nicht spekulative Sinn- rekonstruktion, d. h. sie zielt darauf, die univer- salen Strukturen der subjektiven Konstitution von Welt aufzudecken. Im Mittelpunkt stehen dabei die Herausarbeitung der räumlichen, zeitlichen und sozialen Aufschichtungen der Lebenswelt so- wie die Beschreibung alltäglicher Wissensbestände in ihren spezifischen Relevanzstrukturen und in ihrer spezifischen Typik. Die von J. Habermas vor- genommene Reformulierung des Lebenswelttheo- rems stellt eine kommunikationstheoretische Er- weiterung dar und benennt darüber hinaus auch die Fallstricke und potenziellen Störungen lebens- weltlicher Zusammenhänge. J. Habermas zufolge gelingt es bisherigen Fassungen von Lebenswelt nicht, die Strukturen der Lebens- welt als sprachlich erzeugte Intersubjektivität zu fas- sen, sie „in der Spiegelung des subjektiven Erlebens einsamer Aktoren“ (Habermas 1981/2, 198) zu er- kennen. Beschränkt der phänomenologische Le- bensweltbegriff die Relevanz der Verständigung noch auf die jeweils gegebene Situation, weitet J. Habermas diese Verengung über die Veränderung der Beobachtungsperspektive, von der Teilnehmer- zur Erzählerperspektive, um auch diejenigen Regio- nen gesellschaftlichen Lebens zum Gegenstand der erzählerischen Praxis in der Lebenswelt machen zu können, die nicht direkter Bestandteil eben dieser sind. J. Habermas schlägt vor, zwischen zweck- gerichteter, materieller Reproduktion, über die Indi- viduen ihre Interessen artikulieren und realisieren, und symbolischer Reproduktion, mittels derer sich die Strukturen der Lebenswelt über die Vorgänge der kulturellen Reproduktion, der sozialen Integration und der Sozialisation erhalten und erneuern, zu un- terscheiden. Kulturelle Reproduktion stellt den An- schluss von neu auftretenden Situationen an die be- stehenden Weltzustände sicher; die soziale Integration sichert, dass neue Situationen in den sozialen Raum der Lebenswelt integriert werden und sichert die Identität der Alltagspraxis; die Sozialisa- tion der Angehörigen einer Lebenswelt sorgt letzt- lich dafür, dass die Dimension der historischen Zeit an die bestehenden lebensweltlichen Weltzustände angeschlossen und gesichert werden können. Den symbolischen Reproduktionsprozessen verständi- gungsorientierten Handelns entsprechen als struktu- relle Komponenten der Lebenswelt die Dimensio- nen Kultur, Gesellschaft und Person. Kultur benennt hier den Wissensvorrat, „aus dem sich Kommunika-

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