Handbuch 5. Auflage
614 Thole · Hunold tionsteilnehmer, indem sie sich über etwas in einer Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen“, Gesellschaft benennt „die legitimen Ordnungen, über die die Kommunikationsteilnehmer ihre Zu- gehörigkeit zu sozialen Gruppen regeln und damit Solidarität sichern“ und unter Persönlichkeit sind die Kompetenzen zu orten, „die ein Subjekt sprach- und handlungsfähig“ machen, „also instandsetzen, an Verständigungsprozessen teilzunehmen und da- bei die eigene Identität“ zu behaupten (Habermas 1981/2, 209). Die kommunikativ Handelnden be- wegen sich stets innerhalb des Horizontes ihrer Le- benswelt; aus ihm können sie nicht heraustreten (Habermas 1981, 138 f.). Die Lebenswelt charakte- risiert damit eine Ambivalenz, ist zugleich Ort, in dem die Menschen ihr Leben täglich neu konstituie- ren, also Horizont des alltäglichen Lebens, wie Ort von Sinnbildungs- und Sinnverteilungsprozessen, von Ausblendungen und Ausgrenzungen, Sinnent- stellungen und -verdrängungen, von Mystifikatio- nen und Wiederverzauberungsprozessen (Walden- fels 1985, 161ff.). Eine theoretisch so gedachte Lebenswelt kann sich über die objektive Welt Tatsachen, über die soziale Welt Normen und Werte und über die subjektive Welt Erfahrungen und Erlebnisse erschließen. Die Idee der kommunikativ hergestellten Lebenswelt setzt auf verständnisorientiertes Handeln. Die ge- meinsamen Situationsdefinitionen der Handelnden sind dabei konstitutiv für das kommunikative Wir- ken. Der Interpretationsvielfalt sind dabei nur inso- fern Grenzen gegeben, als das die einzelnen Akteu- rInnen nur über einen begrenzten Wissensvorrat verfügen. Über die aktuelle Interpretationsarbeit hi- naus übernimmt damit die Lebenswelt auch die Aufgabe eines Informationsträgers über Generatio- nen hinweg. Die in der Lebenswelt innewohnenden, tradierten und überlieferten Weltbilder und Gestal- tungsansprüche entlasten so die aktuelle Interpreta- tionsarbeit der Angehörigen einer Lebenswelt. Mit der handlungsbasierten, lebensweltlichen Per- spektive auf Gesellschaft wird das Wissen kom- muniziert, dass soziale Wirklichkeiten nicht einfach existent sind, sondern sie von Menschen entworfen und hergestellt werden (Berger /Luckmann 1972). Unter Rückgriff auf diese theoretische Perspektive von Gesellschaft liegt der Sozialen Arbeit eine Folie vor, mit der unter anderem Fragen nach der sozialen Konstitution von Gesellschaft, der traditionellen und intersubjektiven Strukturierung von sozialen Netzwerken und Gemeinschaften sowie den rituel- len, norm- und wertkonstitutiven Prozessen in die- sen beantwortet und handlungsmethodische Prakti- ken formuliert werden können. Mehrdimensionale Perspektive auf Gesellschaft – zum Gebrauchswert gesellschaftstheoretischer Modelle für das sozialpädagogische Projekt Wer sich bis an diese Stelle durch den Beitrag ge- quält, vielleicht auch mit Gewinn durchgearbeitet hat, wird feststellen, dass es nicht darum ging, die Soziale Arbeit auf der Basis einer ausgefeilten Ge- sellschaftstheorie wissenschaftstheoretisch zu loka- lisieren. Auch war und ist es nicht das Anliegen des Beitrages, herauszustellen, welche gesellschafts- theoretischen Bezugspunkte einzelne Konzepte der Sozialen Arbeit bislang finden und favorisieren. Anliegen war und ist, grundlegende theoretische Beobachtungen der Gesellschaft vorzustellen, um erstens zu illustrieren, dass mit den jeweils einge- nommenen Theorieperspektiven jeweils andere Fragestellungen in den Blick geraten, und um zwei- tens zu zeigen, dass ein kritischer Rekurs auf ein- zelne gesellschaftstheoretische Konzepte jeweils andere Fragen und Problemstellungen mit Lö- sungsvarianten versorgt, auf die die theoretischen Modelle der Sozialen Arbeit zur Beantwortung der an sie adressierten Fragen zurückgreifen können. Die erörterten gesellschaftstheoretischen Perspekti- ven stehen insgesamt sehr additiv nebeneinander. Sie operationalisieren ihr Modell von Gesellschaft über ganz unterschiedliche Begriffe und fundieren ihr Wissen über die Theorie von Gesellschaft über sehr unterschiedliche empirische Beobachtungen. Bei einer sehr souveränen, nicht in die Tiefe und Verästlungen der vorgestellten gesellschaftstheoreti- schen Überlegungen eintauchenden Reflexion, kann gleichwohl ein, die Theorien gemeinsam auszeich- nendes Paradigma identifiziert werden. Sowohl das strukturalistische, zumindest die in diesem Beitrag genannten Modelle und hier insbesondere das von P. Bourdieu vertretene, wie auch das subjekt- und auch das kommunikationstheoretische Wissenskonzept gehen davon aus, dass Gesellschaften sich nicht na- turalistisch, über die Ökonomie, die Politik, ein biologisch determiniertes Subjekt oder eine immer
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