Handbuch 5. Auflage
Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 615 schon präsente, von der Welt schon vorgehaltene Lebenswelt konstituieren. Gesellschaft wird her- gestellt, konstituiert und reproduziert sich über handelnde AkteurInnen, unterliegt zwar den Prädi- katoren des Vorhandenen und Möglichen, kann und hat diese jedoch jeweils neu hervorzubringen. Die Herstellung und Formung von Subjektivität und sozialen Praxen, von Handlungs- und Deu- tungsschemata sowie von gesellschaftlichen Struktu- ren verläuft nie unabhängig und losgelöst von den gesellschaftlich bereitgestellten, traditionellen und in die Praxen und Körper eingeschriebenen Dis- positiven und nie losgelöst von den, den Menschen mitgegebenen Ressourcen (Agamben 2008). Die Konstitution, Aufrechterhaltung und Repro- duktion von Gesellschaft, Lebenswelt und Subjekti- vität unterliegt performativen Akten, Prozessen der Herstellung, Verfestigung und Etablierung, der For- matierung und Neuformatierung in Korrespondenz und Abhängigkeit sowie über die Aneignung, Prä- gung und Rahmung durch die vorgefundenen Wirklichkeiten (hierzu u.a. Butler 1997; Reckwitz 2008). Wenn diesem, über die diskutierten gesell- schaftstheoretischen Perspektiven verifizierten Kon- sens zugestimmt werden kann, dann vielleicht auch der Annahme, dass die darüber in den Blick geratene Komplexität der modernen Gesellschaft sich auch nicht mehr über eine monolithische Theorie von Gesellschaft erklären lässt. Die polyvalenten, in der Moderne entwickelten Gesellschaftsstrukturen kön- nen in ihrer vielschichtigen Undurchsichtigkeit und „Unvollendetheit“ nicht mehr mit den theoretischen Konzepten und Erklärungsmodellen der zurücklie- genden zwei Jahrhunderte umfassend analysiert und nachgezeichnet werden. Eine die empirischen Reali- täten reflektierende, theoretische wie „kategoriale Neuorientierung“ (Beck/Lau 2005, 113) erscheint geboten, um sich die gesellschaftsstrukturellen Ver- änderungen und Neuordnungen weitgehend präzi- siert zu erschließen, kurzum: Die Formulierung einer alle Dimensionen umfassenden, generellen gesellschaftstheoretischen Supertheorie wird im Kontext der sich kontinuierlich beschleunigenden gesellschaftlichen Wandlungen und der Neuforma- tierung sozialer Klassen und Milieus, der sich weiter- entwickelnden Globalisierungsprozesse und seiner nationalstaatlich gerahmten Gesellschaften, des Im- plodierens und der Neumodellierung der lebens- weltlichen und kommunikativen Handlungs-, Inter- aktions- und Beziehungsformen, des Wandels der intra- und intergenerativen Generationsverhältnisse, der Hervorbringungen von unterschiedlichen Sub- jektivitäten und Identitäten sowie der Veränderun- gen der kulturellen und sozialen Fixpunkte zuneh- mend unmöglicher. Die für diesen Beitrag ausgewählten gesellschafts- theoretischen Perspektiven und die sich darüber ergebenen Modelle von Gesellschaft versuchen für diesen schlichten wie grundlegenden Sachverhalt zu sensibilisieren und ihn zu plausibilisieren. Zu- gleich ist aber auch herauszustellen, dass gesell- schaftstheoretische Perspektiven lediglich die Be- antwortung eines bestimmten Fragekanons ermöglichen, also auch auf Nicht-Wissen verweisen und dieses kommunizieren. Die wissenschaftliche Modellierung der Sozialen Arbeit kann sich dem- nach nicht nur auf die sozialpädagogische Refor- mulierung von Gesellschaftstheorien verlas- sen – mit anderenWorten: Gesellschaftstheoretisch grundgelegte Perspektiven können nicht alle Fra- gen beantworten, die sich an das Projekt einer dis- ziplinären Konturierung und professionellen Pro- filierung der Sozialen Arbeit adressieren. Deutlich wird zudem hoffentlich auch, dass Soziale Arbeit auf eine gesellschaftstheoretische Rahmung nicht verzichten kann. Ihre Herausbildung als ein eigen- ständiges gesellschaftliches Arbeits- und Hand- lungsfeld ist ebenso wenig ohne Rekurs auf gesell- schaftstheoretische Überlegungen möglich wie eine Beschreibung der aktuellen Aufgaben und Funk- tionen der Sozialen Arbeit und die betreffenden gegenwärtigen Veränderungen. Traditionell basiert Soziale Arbeit auf einer alters- und entwicklungsbedingten Ausgangsbestimmung sowie auf einer sozialen Ungleichheitsannahme (Rauschenbach 1999). In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist allerdings zu beobachten, dass in den Industrienationen der nördlichen Hemisphäre und in vielen sog. Schwellenländern die Soziale Arbeit aufgrund gesellschaftlicher Modernisierungen mit massiven Infragestellungen dieser Grundkonstanten konfrontiert ist. Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen ist sie erstens mit einem Rückgang der Bedeutung der typischen „klassischen“ Un- gleichheitsrelationen, zweitens mit Prozessen der Entstrukturierung des sozialpädagogischen Adressa- tInnenmodells und drittens mit einer stärkeren Thematisierung der Sozialen Arbeit als ein immer auch riskantes, weil ungewissheitsbelastetes und da- mit nicht kontrollierbares Projekt konfrontiert.
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