Handbuch 5. Auflage
Allgemeine Pädagogik / Sozialpädagogik 63 die Altenbildung. Diese Fachrichtungen verdanken sich in der Mehrzahl der Expansion pädagogischer Einflüsse während der 1970er Jahre und der seit- dem anhaltenden Tendenz zur Pädagogisierung al- ler Lebensbereiche (Krüger /Grunert 2004). Im Zuge der Umstellung der alten erziehungswissen- schaftlichen Diplom- und Magisterstudiengänge in die neue BA /MA Studienstruktur wurden in- zwischen für einzelne dieser Fachrichtungen, wie z. B. die Medienpädagogik, die Betriebspädagogik oder die Pädagogik der frühen Kindheit, an einigen Hochschulen grundständige Bachelorstudiengänge eingeführt (Horn et al. 2008, 32). Die Ergebnisse der Wissenschaftsforschung haben zudem inzwischen gezeigt, dass dieser disziplinäre Ausdifferenzierungsprozess zu einem relativen Be- deutungsverlust und einem Wandel im Selbstver- ständnis der Allgemeinen Pädagogik geführt hat, die sich in ihren neueren Begründungsvarianten nicht mehr als Leitdisziplin, sondern als eine Teil- disziplin begreift, die historisches, theoretisches, methodologisches aber auch empirisches Wissen über die allgemeinen Strukturen der Erziehungs- wirklichkeit produziert, das eine allgemeine Be- deutung für alleTeildisziplinen hat (Krüger 2006d). Umgekehrt wurden in den letzten Jahren aber auch allgemeine Fragen der Erziehungswissenschaft, wie etwa die Debatte um die Entgrenzung des Pädago- gischen (Lüders et al. 2006) oder der aktuelle Dis- kurs um Ganztagsbildung (Otto / Rauschenbach 2004) auch bzw. sogar vorrangig in den Teildiszip- linen, wie der Sozialpädagogik oder der Erwachse- nenbildung, geführt. Kooperationsmöglichkeiten zwischen Allgemeiner Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik Diese Entwicklung sollte nicht als Bedeutungsver- lust der Allgemeinen Pädagogik beklagt, sondern als Chance für eine Verstärkung von Austausch und Kommunikation zwischen der Allgemeinen Erzie- hungswissenschaft und den spezialisierten Subdis- ziplinen, wie etwa der Sozialpädagogik, gesehen werden. Kooperationsmöglichkeiten bestehen in gemeinsamen Diskursen über die kategorialen und theoretischen Bezugsgrößen des Faches, in koope- rativen, empirischen Forschungsprojekten sowie in der Abstimmung der Ausbildungsaufgaben. Ange- sichts der beschriebenen Prozesse der Ausdifferen- zierung und Entgrenzung pädagogischer Arbeits- felder sowie der in den letzten Jahren propagierten Ausweitung des öffentlichen Bildungsauftrages auch auf den Vorschulbereich und der Umgestal- tung des Verhältnisses von Schule und Jugendhilfe im Gefolge der forcierten Einführung von Ganz- tagsschulen ist die Allgemeine Erziehungswissen- schaft ebenso wie die Sozialpädagogik mit der He- rausforderung konfrontiert, ihre kategorialen Grundlagen zu prüfen und die aktuellen Prozesse pädagogischen Handelns empirisch neu zu vermes- sen. Dazu gehören z. B. theoretische Bemühungen um die Neuformatierung eines erweiterten Bil- dungsbegriffs, der nicht nur auf in der Schule er- brachte und gemessene kognitive Leistungen be- schränkt ist, sondern die vielfältigen Kenntnisse und Fähigkeiten mit in den Blick nimmt, die Kin- der und Jugendliche in den verschiedenen außer- schulischen Bildungsorten und Lernwelten erwer- ben (Krüger /Rauschenbach 2007). Als Anregungspotenzial für gemeinsame theoreti- sche Diskurse zwischen Vertretern der Allgemeinen Erziehungswissenschaften und der Sozialpädagogik hat sich im vergangenen Jahrzehnt insbesondere das Theorem von der reflexiven Modernisierung erwiesen (Beck et al. 1996), da es die Möglichkeit bietet, die ambivalenten Folgeeffekte einer reflexi- ven Modernisierung von Erziehungsverhältnissen in schulischen und außerschulischen Kontexten zu analysieren (Krüger 2006b; Rauschenbach 1999). Obgleich die Vermittlung dieses gesellschaftstheo- retischenAnsatzesmiteinheimischenpädagogischen Konzepten und Begriffen noch einer weiteren theoretischen Klärung bedarf, liefert es doch ein geeignetes Instrumentarium für pädagogische Ge- genwartsdiagnosen und ist als Rahmenkonzept für empirische Untersuchungen durchaus anschluss- fähig, die gemeinsam von Vertretern der Allgemei- nen Erziehungswissenschaft und der Sozialpädago- gik durchgeführt werden können. Interessante Querschnittsthemen für solche ge- meinsamen Forschungsprojekte wären etwa die Analysen der Differenzen von Arm und Reich bzw. die Auswirkungen der verschärfenden sozia- len Ungleichheiten auf das Bildungs- und Erzie- hungswesen sowie die Untersuchung von Inter kulturalität angesichts der Tatsache, dass die Verschiedenheit sozialer Herkünfte und die mögli- chen Konflikte zwischen den Kulturen die Realität
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