Handbuch 5. Auflage

Gesundheit und Krankheit 623 International große Resonanz haben in diesem Zu- sammenhang die für ein gesundes Leben konstitu- tiven sozialen Determinanten der Commission on Social Determinants of Health (tätig im Auftrag der WHO) gefunden. Die insgesamt zehn zentra- len Determinanten wurden mit dem Ziel erarbei- tet, weltweit eine gesellschaftspolitische Sensibilität für eine gesundheitsbezogene Prävention und Ge- sundheitsförderung zu entfalten. Es handelt sich um folgende Determinanten: soziales Gefälle, Stress, frühe Kindheit, soziale Ausgrenzung, Arbeit, Arbeitslosigkeit, soziale Unterstützung, Sucht, Le- bensmittel, Verkehr. Die sozialen Determinanten schichten sich zu einer Gesundheitsbiografie auf (Graham 2008, 459), die als Erklärung für den ak- tuellen Gesundheitsstatus einer Person herangezo- gen werden kann. Gesundheitliche Ungleichheiten ergeben sich aus unterschiedlichen Belastungen und ungleichen Zugängen zu gesundheitsbezoge- ner Prävention und Gesundheitsförderung. Dies wird nachfolgend an einigen zentralen Aspekten von Ungleichheit verdeutlicht. Lebensverlauf: Frühe Kindheit Die Lebensverlaufsperspektive ist in dem Maße zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten bedeu- tender geworden, wie gezeigt werden konnte, dass Erkrankungen im höheren Lebensalter eine lange Entstehungsgeschichte aufweisen. „Forschungen zum Zusammenhang von Lebens- lauf und sozial ungleicher Gesundheit verdeutli- chen, wie eng die Beziehungen zwischen biologi- schen und sozialen Prozessen sind“ (Power / Kuh 2008, 69). Eine medizinisch-epidemiologische Lebensverlaufsforschung beschäftigt sich einer- seits mit den Belastungen für das ungeborene Kind und in der frühen Kindheit sowie ihrer so- zialen Verteilung in der Bevölkerung im Sinne „kritischer Perioden“ und andererseits mit einem „Kumulationsmodell“, das von der Annahme chronischer Erkrankungen als Ergebnis verschie- dener Belastungen über den Lebensverlauf aus- geht (Richter / Hurrelmann 2006, 21 f.). Das Modell „kritischer Perioden“ (Dragano 2007, 19) richtet seine Aufmerksamkeit v. a. auf die Phase vor der Geburt und auf die frühe Kindheit. Beide sind vulnerable Zeitfenster, in denen Schädigun- gen im weiteren Verlauf des Lebens nur schwer korrigierbar sind. Auffallend ist, dass frühe Risi- kofaktoren nicht zufällig über die Bevölkerung verteilt sind, sondern dass Kinder aus sozioöko- nomisch und soziokulturell benachteiligten Fami- lien ein erhöhtes Risiko tragen, frühe Schädigun- gen zu erfahren und im Erwachsenenalter zu erkranken bzw. frühzeitig zu sterben. Im Lebensverlauf zu erkranken, ist nicht nur abhän- gig vom Ausmaß der Risikofaktoren, sondern auch vom Ausmaß der Ressourcen und Schutzfaktoren. Schutzfaktoren erhöhen die Chance auf Gesundheit trotz gesundheitsgefährdender sozialer und biologi- scher Belastungen. Gesundheitsförderliche Ressour- cen lassen sich in personale, familiale und soziale Widerstandsressourcen einteilen. Sie sind in gesell- schaftlich privilegierten Gruppierungen stärker aus- geprägt als bei Benachteiligten. Durchsetzungsfähig- keit wie auch Handlungsmächtigkeit („agency“) als Grundbedingungen zur Herausbildung eines hohen Kohärenzgefühls sind in benachteiligten Lebens- lagen seltener ausgeprägt. Zu den sozialen Ressour- cen ist die Eingebundenheit in stabile soziale Netz- werke und in eine damit verbundene soziale Unterstützung zu rechnen. Mit der Qualität der Eingebundenheit wächst die Fähigkeit, mit kriti- schen Lebensereignissen fertig zu werden. Arbeit und Arbeitslosigkeit Einer Erwerbsarbeit nachzugehen, ist grundsätzlich gesünder, als arbeitslos zu sein. Sind jedoch die Ent- scheidungsspielräume am Arbeitsplatz gering, der Stress hoch, die sozialen Beziehungen wenig unter- stützend, so steigt die Wahrscheinlichkeit zu erkran- ken. Gesundheitsschädigende Wirkung kann bereits eine anhaltende Sorge um den Verlust des Arbeits- platzes haben. Arbeitslosigkeit selber hat nachweis- lich schädigende Auswirkungen auf die Gesundheit. Epidemiologische Längsschnittstudien in unter- schiedlichen westeuropäischen Ländern haben eine erhöhte Mortalität und eine hohe Morbidität von Arbeitslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen doku- mentiert (Mackenbach 2008, 282 ff.). Ein mit Ar- beitslosigkeit als belastendem Lebensereignis in der Regel verbundener niedriger Sozialstatus hat aber nicht nur gesundheitsschädigende Wirkungen für die betroffene Person, sondern für eine Familie ins- gesamt, z.B. für Kinder im Bereich psychischer Auf- fälligkeiten, motorischer Entwicklungsmängel und

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