Handbuch 5. Auflage
624 Homfeldt · Sting Übergewicht (Beiträge zur Gesundheitsbericht- erstattung des Bundes 2008, 20). Grundsätzlich eröffnet Erwerbsarbeit – wenngleich auch ihre Qualität bedeutsam ist – mehr Ver wirklichungschancen („capabilities“) bzw. Hand- lungsspielräume als Arbeitslosigkeit. Mit den Ver- wirklichungschancen wächst das gesundheitliche Wohlergehen. Soziale Ausgrenzung: Migration Im deutschsprachigen Raum stellen sich Gesund- heitsdienste erst allmählich auf die besonderen An- forderungen und die spezifischen Gesundheitspro- bleme von Menschen mit Migrationshintergrund ein. Die Datenlage ist im Hinblick auf migranten- spezifische Gesundheitsdaten bisher noch lücken- haft und schwer zu interpretieren (RKI 2008). Im Hinblick auf ihre gesundheitliche Situation sind Migrantinnen und Migranten spezifischen Benachteiligungen ausgesetzt, die sich in Aspekte der sozialen Ungleichheit, in migrationsspezi- fische Aspekte und in kulturbedingte Aspekte unterscheiden lassen. Durch Prozesse der sozialen Abwertung und „Unterschichtung“ im Zielland gehören Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt einer niedrigeren sozialen Schicht an, was sich ungünstig auf den Gesund- heitsstatus auswirkt. Dazu kommen besondere Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, Diskrimi- nierung, mangelnde soziale Anerkennung und Informationsdefizite aufgrund von unangepasster Beratung und Aufklärung. Zu den migrations- spezifischen Aspekten zählen Sprachbarrieren und Verständigungsprobleme im Zielland, erhöhte Gesundheitsrisiken durch die Unsicherheit des Rechts- und Aufenthaltsstatus und Entfrem- dungserscheinungen in der Familie durch den Prozess der Migration. In besonderer Weise ge- sundheitsbelastend wirken spezifische Ursachen und Folgen des Migrationsprozesses wie Folter und Kriegserfahrungen, die häufig Traumatisie- rungen nach sich ziehen (Frey 2004, 163 f.). Kul- turbedingte Besonderheiten zeichnen sich in den unterschiedlichen Erwartungen von Migranten und Einheimischen im Hinblick auf die gesund- heitliche Versorgung und in der Differenz der Ge- sundheits- und Krankheitsverständnisse ab, was zu Inanspruchnahmebarrieren, Kommunikations- problemen und Fehleinschätzungen bei der Nut- zung der Gesundheitsdienste führt (Baune et al. 2004, 95 f.). Die gesundheitlichen Benachteiligungen werden z.T. durch die „positive Selbstselektion gesunder Personen“ bei der Arbeitsmigration kompensiert („healthy migrant effect“). Zugleich sind Migran- tinnen und Migranten eine höchst heterogene Gruppe, die in Abhängigkeit von ihrem recht- lichen und sozioökonomischen Status sowie ihrem kulturellen Hintergrund in unterschiedlichem Ausmaß gesundheitliche Ressourcen und Belas- tungen aufweist. Um Ausgrenzungen und Benach- teiligungen zu vermeiden, erscheint es notwendig, migrantenspezifische Anforderungen hinsichtlich Gesundheit stärker zu berücksichtigen. Zukunfts- weisende Ansätze dazu sind der Einsatz „interkul- tureller Gesundheitsmediatoren“, auf bestimmte Migrantengruppen zugeschnittene Präventions- angebote in der Geburtsvorbereitung, in der AIDS- oder Suchtprävention oder Fortbildungen zur Erhöhung der „transkulturellen Kompetenz“ in den Gesundheitsdiensten (Domenig 2004, 67 f.). Eine strukturelle Veränderung der Gesund- heitsdienste zugunsten der Migrationsbevölkerung steht jedoch noch aus. Die Soziale Arbeit könnte im Bereich der Vermittlung und Koordination, der niedrigschwelligen Prävention und der inter- oder transkulturellen Fortbildung wichtige Aufgaben übernehmen. Geschlecht Frauen und Männer haben einen unterschiedlichen Zugang zur Gesundheit. Die Geschlechterdifferenz hat zwar in Bezug auf die Gesundheit biologische Bezüge, sie ist aber im Kern historisch konstruiert und sozial und kulturell verankert. Deshalb ist die Thematisierung der historisch entstandenen Bi- polarität im Genderdiskurs und in Ansätzen zum Gender-Mainstreaming konsequent und notwen- dig, sofern nicht einer Biologisierung des Ge- schlechterverhältnisses Vorschub geleistet wird. Alle Gesundheitsdaten vom Säugling bis ins Hochbetagtenalter weisen geschlechtsspezifische Ausprägungen aus – bis hin zur um sechs Jahre erhöhten Lebenserwartung von Frauen in ent- wickelten Gesellschaften. Insgesamt verhalten sich Frauen weniger gesundheitsschädigend als
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