Handbuch 5. Auflage
Gesundheit und Krankheit 627 Soziale Arbeit im Gesundheitswesen Aufgaben der Sozialen Arbeit im Rahmen der ge- sundheitlichen Versorgung stellen den historisch frühesten und am breitesten ausgebauten Bereich der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit dar. In den letzten Jahren hat sich für diesen Bereich ein neuer Überbegriff ausgebreitet, der aus dem angel- sächsischen „clinical social work“ abgeleitet ist und dessen Inhalt bis heute noch nicht eindeutig ge- klärt ist: die „Klinische Sozialarbeit“ (Geißler-Piltz et al. 2005). Klinische Sozialarbeit umfasst zu- nächst die beiden klassischen Arbeitsfelder des „Sozialdienstes im Krankenhaus“ und der „Sozia- len Arbeit in Rehabilitationskliniken“. Darüber hinaus bezeichnet die Klinische Sozialarbeit einen eigenständigen Ansatz mit neuen Aufgaben der Sozialen Arbeit in der gesundheitlichen Versor- gung, welche in einer Vielzahl ambulanter, teilsta- tionärer und stationärer Einrichtungen angesiedelt sind ( → Ansen, Klinische Sozialarbeit). Seit den 1920er Jahren hat sich Soziale Arbeit in Krankenhäusern etabliert. Die Aufgaben der Sozialen Arbeit im Krankenhaus liegen in der Bearbeitung sozialer Folgeprobleme bei Krankenhauseinweisun- gen (z.B. im Bereich der Arbeit, des Wohnens, der Angehörigen), in der Klärung von Schnittstellen- problemen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung und in der Bewältigung von sozialen In- tegrationsproblemen, die im Kontext von Krank- heitsverläufen auftreten. Die Zunahme pflegebe- dürftiger Patienten aufgrund der demografischen Alterung der Gesellschaft und die Verlagerung des Krankheitsspektrums hin zu chronischen Erkran- kungen führen dazu, dass die soziale Betreuung und Begleitung in der Krankenversorgung an Bedeutung gewinnt. Rehabilitation hat heute die Wiederherstellung der „möglichst uneingeschränkten Teilhabe eines Men- schen am sozialen Leben in Gesellschaft, Familie und Arbeit“ zum Ziel (Mans 2000, 177). Soziale Arbeit ist in Rehabilitationskliniken zwar nicht ge- setzlich vorgeschrieben, sie hat dort in der Praxis aber einen festen Platz eingenommen. Neben ein- zelnen sozialen, verwalterischen und organisatori- schen Hilfen ist die Wiederherstellung der berufli- chenTeilhabe zumHauptaufgabenfeld der Sozialen Arbeit in der Rehabilitation geworden (Müh- lum/Gödecker-Geenen 2003, 24 ff.). Die Hin- wendung zu einem „ganzheitlichen Rehabilitati- onsbegriff“ seit Mitte der 1990er Jahre betont darüber hinaus die soziale Dimension der Rehabi- litation, die allerdings nach wie vor einen nach- geordneten Platz in den medizinisch dominierten Rehabilitationsprozessen einnimmt (35 f.). Eine besondere Rolle kommt der Sozialen Arbeit seit den 1920er Jahren in der Arbeit mit gesund- heitlich belasteten Personengruppen zu, die aus dem erwerbszentrierten System der Krankenver- sicherung und der medizinischen Versorgung he- rausfallen. Die Betreuung dieser Personengruppen übernimmt im heutigen Gesundheitswesen der Öffentliche Gesundheitsdienst . Zu seinen Zielgrup- pen zählen HIV-Infizierte, Suchtgefährdete und -erkrankte, Schwangere, Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern, sozialpsychiatrisch betreute Per- sonen und Menschen mit Migrationshintergrund (Steen 2005, 50 ff.). Die Bestrebungen der WHO im Rahmen des Aktionsprogramms „Gesundheit 21“, welche die nationalen Regierungen Europas dazu anregen sollen, gesellschaftsübergreifende „Gesundheitsziele“ zur sektorenübergreifenden Koordination der Gesundheitspolitik und zur Ver- besserung der Gesundheitssituation der Bevölke- rung festzulegen (www.gesundheitsziele.de ), haben das Handlungsspektrum des Öffentlichen Gesund- heitsdienstes um vielfältige Aufgaben in der Prä- vention und Gesundheitsförderung erweitert. Im Rahmen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes übernimmt die Soziale Arbeit Aufgaben in der Be- ratung, Gesundheitshilfe, Kooperation und Ver- netzung, Gesundheitsberichterstattung und Be- richterstattungsplanung, Gesundheitsbildung und Ressourcenförderung. Viele der für notwendig er- achteten Maßnahmen können jedoch nur punk- tuell und nicht flächendeckend angeboten werden, und der Öffentliche Gesundheitsdienst verkommt vielfach zu einer „wenig nachhaltigen Manövrier- masse für gesundheitspolitische Legitimations- beschaffung“ (Steen 2005, 145) im Hinblick auf aktuelle und populäre Gesundheitsthemen. Gesundheitsarbeit im Sozial- und Bildungswesen Neben dem umgrenzten Bereich der gesundheitli- chen Versorgung sind Gesundheit und Krankheit in allen Feldern der Sozialen Arbeit ein potenziel- les Thema. Die Bearbeitung sozialer Probleme
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