Handbuch 5. Auflage

628 Homfeldt · Sting  enthält Überschneidungen mit dem Gesundheits- bereich. Etablierte Vorgehensweisen wie Famili- enhilfe, Jugendarbeit oder Gemeinwesenarbeit können durch eine gesundheitsbezogene Wahr- nehmung und Reflexion für die Beschäftigung mit gesundheitlichen Belangen profiliert werden. Bei einer derartigen „Gesundheitsarbeit“ geht es weniger um ein neues sozialpädagogisches „Ex- pertentum für Gesundheit“ (Waller 2001, 303) als vielmehr um eine gesundheitsbezogene Sensi- bilität in bestehenden Handlungsfeldern und Ar- beitsweisen der Sozialen Arbeit. Ein Beispiel dafür ist die Gemeinwesenarbeit . Das Gemeinwesen stellt ein zentrales „Setting“ dar, in dem personenbezogene und strukturelle Aspekte der Gesundheitsförderung verknüpft werden können. Die WHO-Programme „Gesunde Städte“ und „Gesunde Gemeinden“ versuchen, gesundheitsfördernde Projekte im Rahmen der Gemeinwesenarbeit anzuregen, wobei hierfür häufig nach dem „Regionenkonzept“ vorgegangen wird. Die Projekte sind in benachteiligten Stadt- regionen oder Wohngebieten angesiedelt, um sich mehrfach überlagernde Problemkonstellationen zu bearbeiten. Die Chance der Gemeinwesenori- entierung besteht darin, Projekte für sozial Be- nachteiligte nicht als Sonderaktivitäten für sozial Benachteiligte erscheinen zu lassen, was die Ge- fahr der Stigmatisierung und Deklassierung in sich birgt. Stattdessen setzen sie am sozialen Nah- raum und Lebensalltag der Zielgruppe an, bieten vor Ort gesundheitsrelevante Hilfen und unter- stützen bei der Problemlösung in einem gesamten Stadtgebiet. Der Gesundheitsbezug ist dabei mehr oder weniger explizit: Teilweise geht es direkt um die Bereitstellung niedrigschwelliger gesundheit- licher Versorgung und teilweise geht es eher indi- rekt um die Bearbeitung gesundheitsrelevanter Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Bildungsdefizite, schlechte Wohnverhältnisse, mangelhafte Infra- struktur etc. (Löns 2000) Ein weiteres Feld der Gesundheitsarbeit bildet die Schule . Schule hat zunehmend ungefiltert mit ge- sellschaftlichen Problemlagen zu tun, zu denen von ihr Lösungen und Antworten erwartet werden. Dazu gehören auch gesundheitliche Gefährdungen wie Drogengebrauch, Gewalt, AIDS oder Rauchen. Thematisch ist die Schule mit diesen Bereichen befasst, aber aufgrund der breiten gesellschaftlichen Verankerung dieser Praxisformen und der Poten- zierung von schulischen Erziehungsaufgaben ge- sellschaftspolitisch überfordert. Zweifelsfrei sind Gesundheit und ihre Förderung nicht das zentrale Anliegen von Schule. Gesund- heitsförderung ist jedoch ein sozialpolitisches Pro- gramm, das Schüler, Lehrkräfte wie auch Eltern darin unterstützen kann, ein biopsychosoziales Wohlbefinden im Sozialraum Schule so auf- zubauen, dass Bildungsprozesse möglichst chan- cengleich gestaltbar sind. Dies gelingt in dem Maße, wie sich Schule selbst als Organisation zu einem gesundheitsbezogenen Erfahrungsraum ent- wickeln kann, der es ermöglicht, gesunde Lebens-, Lehr- und Lernformen zu initiieren und zu institu- tionalisieren. Der 13. Kinder- und Jugendbericht thematisiert „Gesundheitsförderung und gesundheitsbezogene Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe “. Er gibt einen Überblick über die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in der gesundheitsbezogenen Prä- vention und der Gesundheitsförderung. Im Bericht finden sich zwar viele Praxisansätze, aber nur we- nige differenzierte Fachdebatten und übergreifende Gesamtdarstellungen. Während soziales, seelisches und körperliches Wohlbefinden im Sinne von Ge- sundheit in der Kindertagesbetreuung, in der De- batte zu den frühen Hilfen im Lichte von För- derung, Hilfe und Schutz, in den Bildungsplänen der 16 Bundesländer und auch in der Familienbil- dung relativ breit verankert sind, findet sich dazu in den Handlungsfeldern der Jugendarbeit, der Ju- gendverbandsarbeit, der stationären Erziehungs- hilfe, aber auch der schulbezogenen Jugendhilfe vorerst nur wenig. Insgesamt resümiert der 13. Kinder- und Jugendbericht, dass ein erheblicher konzeptioneller Klärungsbedarf in der Kinder- und Jugendhilfe bestehe (BMFSFJ 2009, 241). Eine besondere konzeptionelle Herausforderung bilden die zahlreichen implizit gesundheitsförderlichen Vorhaben, die semantisch z. B. unter Persönlich- keits- oder Identitätsbildung firmieren, die aber aus der Sicht von Gesundheitsförderung und ge- sundheitsbezogener Prävention als Beitrag zur Er- möglichung von Resilienz (Entwicklung von Schutzfaktoren) und Kohärenz gesehen werden können. Aufgrund des Fehlens einer kontextbezo- genen begrifflichen Klärung von Gesundheit wird der Überblick über gesundheitsfördernde Aktivitä- ten erschwert. Sehr viel leichter hat es hier eine an Risikofaktoren orientierte Gesundheitserziehung.

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