Handbuch 5. Auflage

Gesundheit und Krankheit 629 Problemfelder und Zukunftsaufgaben einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit Qualitätssicherung Maßstab zur Qualitätsermittlung in der gesund- heitsbezogenen Sozialen Arbeit sollten nicht Mo- delle sein, deren herausragende Merkmale Kon- textfreiheit und externe Validität (Kriterium der Übertragbarkeit) sind. Nicht um standardisierte Interventionen und um absolute Belege von Wirksamkeit geht es, sondern darum, „ob die vor Ort konzipierten Interventionen dazu dienen, dem spezifischen lokalen Gesundheitsproblem entgegenzuwirken“ (Wright 2006, 70). Sie erfor- dern sozialpädagogisches Fallverstehen, um einer Tendenz zur Formalisierung von Verfahren ent- gegenzuwirken, in der es einzig um Ursache-Wir- kung-Zusammenhänge jenseits der alltäglichen Lebenspraxis geht. Statt auf dieser Basis kostspie- lige Hilfemaßnahmen zu konzipieren, die vom jeweiligen Kontext losgelöst sind, muss die Ein- maligkeit von Fall und Feld Berücksichtigung finden. Ein körperbezogener Blick der Sozialen Arbeit Die Debatten zu Übergewicht, Sucht und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen und die in der So- zial- wie Gesundheitspolitik diskutierten Themen zu Ernährung, Bewegung, Suchtprävention und Gewaltprävention rücken den Körper in den Mit- telpunkt der Reflexion und fordern einen körper- bezogenen Blick der Sozialen Arbeit heraus (Sting 2007, 102–112; Hünersdorf 2008, 27–48). Weder in der lebensweltorientierten noch in der dienst- leistungsorientierten Sozialen Arbeit kommt dem Körper als soziale Realität eine grundlegende Be- deutung zu, obwohl über ihn und durch ihn sämt- liche Akte sozialen Handelns vollzogen werden und in ihm soziale wie gesundheitliche Ungleich- heit eingeschrieben sind. Die sozioökonomische und die kulturelle Herstellung des Körpers ist im Kontext des Aufwachsens und der damit einher- gehenden gesundheitsbezogenen Entwicklungsauf- gaben in der Kinder- und Jugendhilfe, im diszipli- nären Diskurs und in den professionellen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit noch nicht grundlegend rezipiert. Daraus entsteht die Gefahr, dass sich die Mitwirkung der Sozialen Arbeit in der Gesundheitsförderung auf die Rolle des Türöffners zu schwer erreichbaren Zielgruppen beschränkt, während der individualisierende und medizinisch dominierte Blick auf Gesundheitsprobleme unhin- terfragt bestehen bleibt. Dies zeigen aktuelle Ansätze zur Bewältigung von Übergewicht und Adipositas. In der Praxis domi- nieren Adipositasprogramme, die einem medizi- nischen, am BMI orientierten Zugang folgen und die Verankerung des Ernährungsverhaltens in Kontexten wie soziale Lage, Lebensalter, Biogra- fie, Geschlecht oder regionale Struktur ignorieren. Die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit müsste stattdessen von der Erkenntnis ausgehen, dass Übergewicht und Adipositas – z. B. bei Familien in prekären Lebensverhältnissen – eine das Setting stabilisierende Bedeutung haben können. Aus der Akteursperspektive können Adipositas und Über- gewicht „soziosomatische Reaktionen“ auf Status- stress und Ausgrenzungserfahrungen darstellen (v. Kardorff / Ohlbrecht 2007). Soziale Arbeit müsste dementsprechend die Beschäftigung mit dem di- cken Körper mit einer generellen Verbesserung der Lebensbewältigung, der Erweiterung von Teilhabechancen und der Bereitstellung von Ge- legenheiten zum Erwerb sozialer Anerkennung verknüpfen und könnte so dem Anspruch einer umfassenden Gesundheitsförderung gerecht wer- den. Lebensverlauf und Orientierung an der Biografie Da sich Risikoketten im Laufe eines Lebens bilden, die Erkrankungen wahrscheinlich machen, und ihre Dichte mit sinkendem sozioökonomischem Status zunimmt, wird sich eine gesundheitsbezogene So- ziale Arbeit auf den Zusammenhang von Lebenswelt und Lebensverlauf auszurichten haben. Fassen wir Lebensweltorientierung im Sinne von Merleau-Ponty als eine Ordnung, die nicht durch Bewusstsein geschaffen wird, sondern in der Bezie- hung zur Welt, so ist es naheliegend, eine solche

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