Handbuch 5. Auflage

Gewalt und soziale Desintegration  635 wirklichen Leben“ andererseits nicht klar gezogen werden. 3. Der sozioökonomische Status ist insofern von Be- lang, als festgestellt werden kann, dass Gewalt- akzeptanz, vor allem aber Gewalttäterschaft, vor- nehmlich bei Menschen verbreitet ist, die unter Verhältnissen leben, die sozial und ökonomisch vergleichsweise niedrig und ungesichert sind (World Health Organization 2002; White 2002). Gleichwohl lässt sich kein direkter Effekt auf Ge- waltakzeptanz finden (Legge 2008). Insbesondere Familienverhältnisse, das Bildungs- und Wohl- fahrtssystem und der Arbeitsmarkt, wohl aber auch urbane Segregation (Oberti 2008), die in der Frei- zeit gemachten Erfahrungen in Peergroups und anderswo (siehe unten) sowie Gelegenheitsstruktu- ren für die Anwendung von Gewalt (Sitzer /Heit- meyer 2008) und individuelle Dispositionen (Far- rington 1996) können hier die Wahrscheinlichkeit eines Durchschlagens sozio-ökonomischer Depri- vation und daraus erwachsender Frustrations- potenziale auf Gewaltakzeptanz moderieren. Der Befund unterstreicht die Notwendigkeit eines analytischen Erklärungsmodells, das – wie die Des- integrationstheorie – neben Aspekten der indivi- duell-funktionalen Systemintegration auch die Prozesse gesellschaftlicher und gemeinschaftlicher Sozialintegration einbezieht und die dynamische Interaktion zwischen diesen und innerhalb dieser Integrationssphären betrachten kann. Damit sind Supplementierungs-, Konsolidierungs- und Kom- pensationseffekte im Zusammenspiel der Integrati- onssphären und ihrer Elemente beobachtbar und in ihren Auswirkungen auf Gewaltakzeptanz zu identifizieren. Lösungsorientiert betrachtet wird so auch der hohe Stellenwert sowohl der Gestaltung der mikrosystemischen Verhältnisse und der spezi- fischen biographischen Erfahrungen darin als auch der institutionellen Regulierbarkeit des gesell- schaftlichen Gewaltniveaus offengelegt. 4. Die ethnische Herkunft und kulturelle Einbindung sowie ein persönlicher oder von den Eltern „sozial vererbter“ Migrationsstatus scheinen auf den ersten Blick die Wahrscheinlichkeit von Gewaltbefürwor- tung, -bereitschaft und -tätigkeit deutlich zu erhö- hen (Zdun 2008; Baier/Pfeiffer 2008; Mesch et al. 2008; Hazelhurst 1995; Tonry 1997). Insbesondere die „nackten“ Zahlen der Polizeilichen Kriminalsta- tistik liefern Argumente für Vorbehalte gegenüber „den kriminellen Ausländern“ (exemplarisch für Deutschland: Bundeskriminalamt 2007; Bundes- ministerium des Innern/Bundesministerium der Justiz 2006) und tragen damit zu einer öffentlichen Erörterung bei, in der fremdenfeindliche Positionen leicht Gehör finden können (Mansel 2007). Erst eine genauere Untersuchung des Zusammenhangs von Migrationserfahrung und Gewaltneigung lässt erkennen: Jugendliche Migranten befinden sich überzufällig häufig in Lebenssituationen, die auch unabhängig von der ethnisch-kulturellen Zugehö- rigkeit soziale Anfälligkeitskonstellationen für Ge- walt beinhalten. Zu ihnen gehört vor allem: Sie wachsen häufiger als Einheimische in Familien auf, in denen Konflikte, gewaltsame Konfliktlösungen und autoritäre Erziehungsstile vorherrschen; sie nehmen oft inferiore Positionen im Bildungs- und Berufssystem ein; sie leiden überproportional unter Arbeitslosigkeit und düsteren Berufsperspektiven; sie haben imDurchschnitt größere Probleme bei der Entwicklung einer stabilen Identität als autochthone Jugendliche; sie machen stärker als jene Gebrauch von Gewalt verherrlichenden Medien; sie orientie- ren sich stärker an Gewalt legitimierenden und pro- pagierenden Männlichkeitsnormen und sie pflegen eine stärkere Bindung an ihre Freunde, u.U. eben auch an delinquente (Baier /Pfeiffer 2008; Zdun 2008; Mesch et al. 2008; Möller 2010a). Dabei können Baier/Pfeiffer/Windzio für die besonders gewaltbelastete Problemgruppe der Mehrfach-Ge- walttäter in Deutschland empirisch zeigen, dass Gewalt legitimierende Normvorstellungen über Männlichkeit und Ehre in diesem Geflecht die ent- scheidende Rolle spielen. Diese bilden sich im Rah- men eines gewaltorientierten Medienkonsums und delinquenter Peergroupbeziehungen heraus und festigen sich. Die Attraktivität dieser drei Punkte wiederum ist vor allem auf Erfahrungen mit elter­ licher Gewalt zurückzuführen (Baier et al. 2006). Aus desintegrationstheoretischer Deutungsper- spektive ist das Faktum der überproportionalen Gewaltbeteiligung von jugendlichen Migranten und indigenous people damit deutlich auf die von ihnen erlittenen Integrationsdefizite in zentralen gesellschaftlichen Bereichen zurückzuführen. Die auch im Hinblick auf Gewaltbegünstigungen brisante ethnisch-kulturelle Integration partikula- ristischen Zuschnitts ist dabei nicht zuletzt als eine Nutzung von Sozialisationstraditionen und Gelegenheitsstrukturen zu interpretieren, deren Anziehungskraft nicht zuletzt als Folge eines tat-

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