Handbuch 5. Auflage
636 Möller sächlichen oder empfundenen Ausschlusses aus relevanten Integrationsbereichen der Mehrheits- gesellschaft entsteht. Bei den Gründen der Bezug- nahme auf gewaltförderliche ethnisch-kulturelle Muster zeigt sich insofern Vergleichbares zur Be- zugnahme auf gewaltförderliche Männlichkeits- muster: ein Mangel an Alternativen für Gestal- tungs- und Anerkennungserfahrungen im Rahmen normativ-kultureller Muster mit univer- salistischer Kontur. 5. Bildung hat eine hohe Bedeutung dafür, ob je- mand Gewaltakzeptanzen aufbaut oder nicht. Nur bei oberflächlicher Betrachtung jedoch ist das Bil- dungsniveau im Sinne der erreichten oder ange- strebten formalen Qualifikation ausschlaggebend. Eher ist anzunehmen, dass sich in den niedrigen und für Gewalt besonders anfälligen Schulformen und Bildungsgängen nicht zufällig gerade diejeni- gen gehäuft finden, die unter den oben aufgewiese- nen Sozialisationskonstellationen leben, weil eben diese großen Einfluss auf den Lebensverlauf haben (Mills / Blossfeld 2005). Heyder konnte zudem empirisch zeigen, dass weniger ein bloßes Mehr an Bildung an sich als vielmehr Empathie und kogni- tive Komplexität Individuen vor menschenfeindli- chen Einstellungen, die im Vorfeld von Gewalt- akzeptanz zu lokalisieren sind, wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus, (rela- tiv) schützen (Heyder 2003). Derjenige, dem es gelingt, solche Fähigkeiten auch unter dafür un- günstigen Bildungsverhältnissen zu erhalten bzw. aufzubauen, zeigt sich gegenüber solchen Orientie- rungen in ähnlicher Weise distanziert wie Personen mit höherer Bildung. Weitere soziale Kompetenzen wie vor allem die Herstellung eines realistischen Selbstwertgefühls, Offenheit und Neugierde für Neues, Frustrations-, Ambivalenz- und Ambigui- tätstoleranz, Rollendistanz, ein funktionierendes Emotions-Management, darin speziell Affekt- und Impulskontrolle, Verantwortungsübernahme und verbale Konfliktfähigkeit wirken in gleicher Rich- tung (Hay et al. 1996; Eisenberg et al. 2003; Möl- ler 2001; Möller / Schuhmacher 2007). Im Rahmen desintegrationstheoretischer Analysen ist allerdings weniger der Befund als solcher be- deutsam als die Frage, wie Kompetenzdefizite bzw. umgekehrt Kompetenzfortschritte entstehen. Dies- bezüglich ist anzunehmen, dass in erster Linie die Integrationsverhältnisse und hier insbesondere die sozio-emotionalen Bezüge, in denen das jeweilige Subjekt sozialisiert wird, eine Schlüsselrolle spielen: Wer in Kontexten prosozialer Beziehungsnetze sinnstiftende Erfahrungen von anerkannter Selbst- wirksamkeit und persönlicher Wertschätzung macht und so Identitätssicherheit gewinnt, sieht sich nicht gezwungen, Selbstwertaufbau und Res- pekt zur Identitätsstabilisierung über menschen- feindliche und gewaltförmige Orientierungen zu bewerkstelligen. 6. In Verbindung mit den oben stehenden Fak- toren, z.T. aber auch darüber hinaus weisend sind weitere Desintegrationserfahrungen anzuführen, die für Gewalt förderlich wirken. Zu den wichtigsten gehören: Gefühle der Macht- und Einflusslosigkeit im politischen Bereich, verstellte Zugänge zum Ar- beits- und Konsummarkt sowie das Versagen ge- sellschaftlicher Institutionen, die für die Herstel- lung und den Erhalt von Sicherheit, Gerechtigkeit, Fairness, Solidarität, Bildung und kultureller Be- dürfnisbefriedigung zuständig sind (empirische Belege bei Heitmeyer 2002; 2003; 2005; 2006; 2007; 2008; 2009; 2010). Die Desintegrationstheorie geht davon aus, dass die subjektive Betroffenheit von diesen Faktoren wie auch die schon davor genannten Aspekte von Inte- grationsproblematiken in Anerkennungsbilanzen eingehen. Diese werden als letztlich ausschlag- gebende Grundlage der Orientierungsbildung und Handlungsfindung des Subjekts gesehen. Bilanzie- rungen von Erfahrungen des Subjekts die Funktion von Orientierungs- und Handlungssteuerungen zu- zuschreiben, erscheint plausibel: Gerade in der indi- vidualisierten Gesellschaft der Gegenwart, in der die Entscheidungsspielräume und -zwänge des Subjekts rapide zunehmen und letztlich die biographische Passung den Bewertungsmaßstab neuer Erlebens- eindrücke im Fortlauf des Erfahrungsprozesses, den wir Leben nennen, bildet, nimmt der Stellenwert summierender Selbstreflexionen entlang den Krite- rien subjektiver Stimmigkeit an Bedeutung zu. Es erhebt sich allerdings die Frage, ob die Heraus- forderungen, in denen das Individuum im Lebens- verlauf im Hinblick auf Orientierungsleistungen und Entscheidungsnotwendigkeiten steht, hinrei- chend mit dem Begriff der Anerkennungsbilanzen zu beschreiben sind. Denn Heitmeyer selbst (Sit- zer /Heitmeyer 2008) geht handlungs- und soziali- sationstheoretisch vomModell des „produktiv reali- tätsverarbeitenden Subjekts“ aus. Dieses aber „stellt das menschliche Subjekt in einen sozialen und
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