Handbuch 5. Auflage

Gewalt und soziale Desintegration  637 ökologischen Kontext, der subjektiv aufgenommen und verarbeitet [Hervorhebung K.M.] wird, der in diesem Sinne also auf das Individuum einwirkt, aber zugleich auch immer durch das Individuum beein- flusst, verändert und gestaltet [Hervorhebung K.M.] wird“ (Hurrelmann 1986, 64; Hurrelmann 1988). Wenn als Zielperspektive des Sozialisationsprozesses soziale Handlungsfähigkeit gilt, dann kann weder soziale Integration noch soziale Anerkennung diese erschöpfend ausfüllen. Im Spannungsfeld von Auto- nomie und Heteronomie sowie von Individuation und Integration vollzieht sich vielmehr ein Prozess des Aufbaus eigenständiger Identität, der einerseits unverwechselbares und selbstbestimmtes Agieren, mithin personale Identität, sicherstellen will, ande- rerseits die Anschlussfähigkeit des Subjekts an gesell- schaftliche Erfordernisse und intersubjektive Kon- texte, also soziale Identität, intendiert (Goffmann 1963). Mindestens zwei weitere wichtige Faktoren bestimmen ihn mit. 1. Wird der Blickwinkel der Untersuchung solcher Prozesse nur auf die Gestaltung des Verhältnisses von Freiheit und Bindung in Feldern der Integra- tion einjustiert, entgehen die instrumentellen Aus- einandersetzungen des Subjekts mit der natürlichen und dinglichen Welt und ihre Potenziale für den Aufbau von eigenständiger Identität und damit Selbstwert der Aufmerksamkeit. Der Mensch ist aber nicht nur ein soziales Wesen, sondern – durch- aus auch nach interaktionstheoretischer Auffas- sung – ein „implemental animal“ (Mead 1938), das das Bewusstsein seiner selbst in erster Linie durch Objektumgang und dessen kooperative Ein- bettung erwirbt. Die „Lebensbedingungen“, auf die das Subjekt im Sozialisationsprozess „einwirkt“ (s. o.), sind zweifelsohne nicht allein von sozialer, sondern auch von materieller Beschaffenheit. 2. Da Persönlichkeitsentwicklung per definitionem prozessual verläuft, kommt dem Erwerb und Aus- bau von individuellen Fähigkeiten ein zentraler, auch Selbstwert generierender Stellenwert zu. Ne- ben instrumentellen sind besonders personale und soziale Kompetenzentwicklungen erforderlich, um ein autonomes, emotional stimmiges und zugleich sozial kompatibles, ja respektables Sich-Orientie- ren und Handeln zu ermöglichen. Diesem Umstand kann ein Sozialisationsverständnis Rechnung tragen, das biographische Lebenstätigkeit als Prozess autonomer und gleichzeitig sozial gefe- derter Lebensgestaltung begreift. Lebensgestaltung verfolgt aus der Perspektive des Subjekts alltags- sprachlich ausgedrückt das Ziel, das eigene Leben durch aktives Handeln in den Griff zu bekommen und nicht abhängig bzw. zum Spielball fremder Mächte zu werden, gleichzeitig aber in seinem Be- mühen um Lebenskontrolle nicht sozial isoliert zu bleiben, sondern sozialen Anschluss zu erhalten und Fähigkeiten zu erwerben und auszubauen, die Kon- trolle und Integration sichern und zu optimieren erlauben. Deshalb sind es eher umfassende Gestal- tungsbilanzierungen als Anerkennungsbilanzen, die biographische Weichenstellungen, u.U. eben auch in Richtung auf Gewaltakzeptanz, verantworten. Solche Gestaltungsbilanzierungen haben eine sachli- che, soziale und (biographisch-)zeitliche Dimension. Sie folgen nämlich dem Bestreben des Subjekts, die gegenständliche und natürliche Umwelt zu kon- trollieren, für sich eine akzeptierte Position im sozia- len Gefüge zu entwickeln und dabei die persönliche Handlungs- und Erlebensfähigkeit zu erhalten und zu verbessern. Die Aspirationen können gleichwohl recht unterschiedliche Reichweiten haben. Ziel ist nicht in jedem Fall das Eröffnen und Erweitern von Handlungsoptionen, wohl aber, dass sich einGrund- gefühl, sein Leben beherrschen zu können, einstellt, aus dem – zumindest bis auf weiteres – eine argu- mentationsoffene und situationsflexible Deutungs-, Orientierungs-, Verhaltens- und Handlungssicher- heit, mindestens aber für den Umgang mit der je- weiligen Situation eine gegen grundlegende Zweifel resistente Gewissheit bezogen werden kann. Zudem ist jedes Subjekt auf ein psychophysisches Erleben von positiver Valenz ausgerichtet. Dabei ist nicht da- von auszugehen, dass Bilanzierungen zwingend ver- nunftgesteuert und bewusst ablaufen. Nicht nur die in der Sozialen Arbeit verbreitete (normative) Vor- stellung von der „Ganzheitlichkeit“ des Menschen, sondern auch neuere neurowissenschaftliche und entscheidungspsychologische Erkenntnisse lassen annehmen, dass die in Bilanzierungsprozessen zum Tragen kommende (Selbst-)Reflexivität mindestens drei Funktionsbereiche nutzt, die kognitiv vorgenommene Selbstbetrachtung des 1. Bewusstseins, Empfindungen im Sinne der Zeugenschaft von kor- 2. poral ablaufenden Prozessen und Reflexe im Sinne nicht bewusst gesteuerter Re- 3. aktionen auf Sinneserregungen (Damasio 2005; 2003; 1999; Gigerenzer 2007).

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