Handbuch 5. Auflage

638 Möller  Die das eigene Leben gestaltende Selbstthematisie- rung organisiert sich nicht nur entlang des Nach- denkens über die Frage „Wo stehe ich und wohin will ich?“, sondern auch durch Antworten auf die – im eigentlichen Sinne sogar noch un- gestellte – Frage „Was tut mir gut?“ oder genauer: „Was fühlt sich gut an?“. Gewalt muss also auch in seinem Charakter als sinnliche Erfahrung, als „em- bodied social practice“ (Lyng 2004, 360) und damit als positiv erlebter Zustandsmoment des Körpers eingefangen werden. Im Kontext von Gestaltungs- bilanzierungen geht es im Einzelnen darum, indivi- duelle Handlungsweisen so zu entwickeln, dass Kontrolle 1. über das eigene Leben zu erleben und zu gewinnen ist, Integration 2. in verständigungsorientierte Kommuni- kations- und Kooperationskontexte erfahren wer- den kann und die 3. Kompetenzen für Realitätskontrolltätigkeiten einschließlich Integrationssicherung, also ins- besondere Fähigkeiten zur Strukturierung von Er- fahrungen wie u.a. Reflexivität , Empathie , Ambiva- lenztoleranz , Kommunikativität , Affektkontrolle etc., erworben, eingesetzt, gesichert und aus- gebaut werden können. Erst in einem in dieser Weise handlungstheo- retisch inspirierten Modell der Gestaltungsbilan- zierungen ist dann auch der Befund von Brezina (2008) vollständig deutbar, wonach eine klar Ge- walt förderliche „me first attitude“ aus einem Mangel an Anerkennung erwächst. Eine solche „attitude“ – unter Rekurs auf Agnew – mit „auto- nomy“ gleichzusetzen und „autonomy“ selbst wiederum nur als Wunsch zu verstehen, „to be free from the control of others“ (Agnew 1984, 225), übersieht den Scheincharakter vorgeblicher „autonomy“ dieser Gestalt. So wird der Weg dazu verstellt, diese Schein-Autonomie als Ausdruck und Folge eines erlebten Mangels an realisierbarer autonomer Handlungskompetenz im Sinne der Fähigkeit zu produktiv-gestaltenderer Realitäts- bearbeitung zu begreifen. Insofern wäre zu unter- suchen, ob nicht Erfahrungen eines nahezu völ- ligen oder relativen Mangels an autonomen Lebensgestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich Le- benskontrolle, Integration und Kompetenzent- wicklung, die in vom Individuum vorgenommene Gestaltungsbilanzierungen eingehen, umfassen- der noch als Anerkennungszurückweisungen, die im Rahmen von Anerkennungsbilanzen aufschei- nen, Gewaltakzeptanz zu erklären vermögen. Konsequenzen für den gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt und die Rolle Sozialer Arbeit Die aufgewiesenen Befunde führen zu Schlussfolge- rungen, die die bisher dominierenden Ideen und Praxen gewaltreduzierender Maßnahmen zum Teil in Frage stellen. Dies gilt zum einen für den gesell- schaftlichen Umgang mit dem Gewaltproblem im Allgemeinen, zum anderen aber auch für Soziale Ar- beit im Besonderen. Die wichtigsten Konsequenzen sollen aus Platzgründen in nur sieben Punkten zu- sammengefasst werden (vgl. weiterführender und arbeitsfeldbezogener auch Möller 2007): 1. Nachhaltiger Gewaltabbau setzt menschenrechts- politische Grundlegungen voraus. Dies gilt für alle Politikfelder, in besonderer Weise aber für Innen-, Sicherheits-, Rechts- und Sozialpolitik. Menschen- rechtliche Fundamente liegen in jedem Fall zumin- dest überall da nicht oder nur ungenügend vor, wo soziale Ungleichheiten strukturell verankert sind, a. insbesondere aber Menschenrechtsverletzungen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen weitreichende soziale Akzeptanz besitzen (wie etwa in verschiedenen Ländern Afrikas), die Zuständigkeit der staatlichen Organe für die b. Herstellung und den Erhalt der öffentlichen Ord- nung und Sicherheit in der Bevölkerung umstritten ist (wie etwa in Palästina bzw. Israel), diese Organe Instrumente eines undemokrati- c. schen Herrschaftsapparats sind, unterschiedli- chen politischen Interessengruppen folgen und / oder eindeutig im Interesse, wenn nicht gar im Dienste, wirtschaftlicher Eliten agieren (Zdun 2008), sie zwar als demokratische Instanzen auftreten, d. das staatliche Gewaltmonopol aber aufgrund ei- gener Schwäche gegen bewaffnete Gruppen nicht durchsetzen können, sie in großen Teilen korrupt sind und mit der or- e. ganisierten Kriminalität zusammenarbeiten (Hu- guet / Szabó de Carvalho 2008),

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