Handbuch 5. Auflage

Governance 647 heiten regeln“ (9). Es gehe um „Formen der Hand- lungskoordination und der dezentralen Steuerung von Netzen des Zusammenwirkens“ (9). Im Zu- sammenhang mit Kriterien, die von der Weltbank für die Kreditvergabe an Staaten definiert werden, ist ausdrücklich von „Good Governance“ die Rede (Benz /Dose 2010, 20; Adam 2000; ESCAP 2006), ebenso (allerdings in sehr breitem Verständnis) im Weißbuch „Europäisches Regieren“ der Europäi- schen Kommission von 2001. Drittens beziehen sich Diskussionen unter dem Stichwort „Corporate Governance“ auf die kon- krete Ausgestaltung einer angemessenen Steuerung privatwirtschaftlicher Unternehmen, aber auch ge- meinnütziger und öffentlicher Organisationen. In Deutschland wurde im September 2001 im Bun- desministerium der Justiz eine Regierungskommis- sion eingesetzt, die am 26. Februar 2002 den Deut- schen Corporate Governance Kodex verabschiedet hat (Regierungskommission 2012). Dieser Kodex „stellt wesentliche gesetzliche Vorschriften zur Lei- tung und Überwachung deutscher börsennotierter Gesellschaften (Unternehmensführung) dar und enthält international und national anerkannte Stan- dards guter und verantwortungsvoller Unterneh- mensführung“ (1). Weiter heißt es: „Auch nicht börsennotierten Gesellschaften wird die Beachtung des Kodex empfohlen.“ (2) Der Kodex enthält da- bei sowohl gesetzliche Regelungen mit unmittelbar bindendem Charakter als auch Empfehlungen. An- geregt durch den Deutschen Corporate Governance Kodex haben in den vergangenen Jahren auch zahl- reiche Wohlfahrtsorganisationen und -verbände entsprechende Kodizes erarbeitet und im Sinne von Selbstverpflichtungen verabschiedet (z. B. Diakoni- sches Werk 2005, Brockhoff 2012, Der Paritätische Sachsen-Anhalt 2011). Im Sinne von Grundsätzen guter und transparenter Führung geht es auch hier einerseits um klare, effiziente und „gewaltenteilige“ Leitungsstrukturen und andererseits um Transpa- renz hinsichtlich der Verwendung öffentlicher und privater Gelder. Materialiter halten dabei einige Organisationen an der Grundstruktur von ehren- amtlichemVorstand und hauptamtlicher Geschäfts- führung fest, während andere das Modell von hauptamtlichem Vorstand und ehrenamtlichem Aufsichtsorgan wählen. In den drei gerade genannten Kontexten (Wirt- schaftswissenschaften, Praxis politischer Steuerung und Praxis der Organisationsgestaltung) ist von Governance in einem sehr allgemeinen, wenig ana- lytisch und theoretisch fundierten Sinne die Rede. Demgegenüber wird in der Politik- und Verwal- tungswissenschaft Governance als ein „neuartiges Konzept des Regierens“ (Jann /Wegrich 2010, 175) explizit auf Basis der oben skizzierten Governance- Analysen formuliert. Governance sei nicht nur ein faktisch gegebenes Phänomen, sondern scheine „ unabdingbar für das Regieren moderner Gesell- schaften zu sein“ (Papadopoulos 2010, 227; Her- vorh. R. /R.). Die als Governance bezeichneten neuen „Formen der Kooperation zwischen staatli- chen und nicht-staatlichen Akteuren […] gelten als Chance für die Gewinnung politischer Gestaltungs- spielräume (und nicht mehr lediglich als Hindernis für die Durchsetzung gemeinwohlorientierter Poli- tik)“ (Jann /Wegrich 2010, 175). In dieser Weise als Leitbild und „Reformkonzept der Verwaltungspoli- tik“ (176) verstanden, sehen die Autoren Gover- nance zugleich als konzeptionelle Alternative „zu dem die 80er und 90er Jahre prägenden Reform- modell des New Public Management (NPM)“ (176), das eine „übertrieben binnenorientierte und manageralistische Ausrichtung der Verwaltungspo- litik“ impliziert habe (182). In Abgrenzung zum Neuen Steuerungsmodell müsse jetzt der Weg „von Management zu Governance“ beschritten werden (183–185). Mit Blick auf die wesentlichen Inhalte von „Gover- nance als Reformkonzept“ lassen sich folgende sie- ben Eckpunkte destillieren: Governance als (normativ begründetes) strategi- 1. sches Konzept fokussiert v.a. auf die inter-organi- satorische Perspektive , also auf die Beziehungen und Prozesse zwischen Organisationen und Ak- teursgruppen (Jann /Wegrich 2010, 186 f). Demge- genüber hat das Neue Steuerungsmodell einen starken Akzent auf die intra-organisatorische Pers- pektive (v.a. bezogen auf die öffentliche Verwal- tung) gelegt. Governance als strategisches Konzept setzt auf die 2. gezielte Bildung und Pflege von sektorübergreifen- den Politiknetzwerken als neuen Institutionalisie- rungsformen politischer Steuerung – im Unter- schied zu einer primär staatlich-hierarchischen und einer primär ökonomisch-wettbewerblich orien- tierten Steuerung (187 f., Brocke 2005, 244). Governance als normatives Konzept zielt damit ex- 3. plizit auf eine Kombination von Steuerungsformen

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